Nenere Forschungen über Westindische Orkane.
durch eine Böe nach West entführt wurde, als der Orkan im Uebrigen aus NE
blies, Es bestätigt sich also auch bei tropischen Orkanen das anderwärts in
Bezug auf Böen Gefundene, und ist die Neigung der Böen, nach rechts vom
herrschenden Winde abzuweichen, als eine direkte, durch den Regenschauer
vermittelte Wirkung der entsprechenden Richtung der Nimbus-Wolken an-
zusehen.
Läfst das Centrum des Orkans bei seiner Fortpflanzung den Beobachter
auf seiner rechten Seite, so geht der Wind bei seinem Vorübergange rechts
herum; auf der linken Seite des Centrums geht der Wind links herum, Dies
ist die allgemeine Regel der Windänderung in der Nähe von Orkanen in beiden
Hemisphären. Die Drehung des Windes geschieht um so rascher, je näher das
Centrum und je mehr seine Bewegung quer ab zu einer Verbindungslivie mit
dem Beobachter steht; ist die Drehung sehr langsam, so ist dieses ein schlechtes
Vorzeichen; in diesem Falle ist entweder die Bewegung eine sehr langsame,
oder sie geschieht direkt auf den Beobachter zu. Land scheint die Fort-
pflanzung des Wirbels gar nicht zu verzögern, schwächt aber den Wind und
die Böen und Schauer sehr ab.
Auffallend widersprechend sind die Zeugnisse über das Auftreten elek-
trischer Entladungen in Orkanen. Auf ()uba sollen sie nach Viios so selten
sein und fast ausschlieflslich auf der Rückseite des Wirbelsturmes vorkommen,
dafs „Donner und Hahnenschrei“ als gute Zeichen beim Landvolke gelten, welche
das nahe Ende des Sturmes verkünden; östlicher, auf den Kleinen Antillen und
dem Ocean, treten hingegen Blitze in manchen Orkanen in aufserordentlicher
Häufigkeit und Intensität auf, wie das Beispiel des Orkans auf Barbados vom
10.—11. August 1831 (vgl. Dove: Gesetz der Stürme, und Mohn: Grundzüge
8 360) und auch eine Reihe deutscher Schiffsjournale im Besitz der Seewarte
zeigen. Es scheint, dafs in dieser Hinsicht die Orkane westlich und östlich vom
70. Meridian sich merklich verschieden verhalten, da auch die Fortpflanzungen
der westindischen Orkane über Florida und den übrigen Staaten der Nord-
amerikanischen Union selten von Gewittern begleitet zu sein scheinen. Dafs
die Abwesenheit von elektrischen Entladungen in einem Unwetter ein schlimmes
Anzeichen sei — insofern es die grofsen Orkane von den blofsen Gewitter-
stürmen unterscheidet — spricht schon Oviedo in seiner „Historia Natural de
[ndias“ (1535) aus, wahrscheinlich auf Grund von auf den Großen Antillen ge-
sammelten Anschauungen.
Ueber dem windstillen Centrum des Wirbelsturms zeigt die Scheibe
schweren, tief herabreichenden Regengewölks, welche den Orkan bedeckt, in
der Regel ein Loch, während der obere Cirrusschleier, mit geringen Lücken,
auch hier gewöhnlich vorhanden ist. Die Ursachen und die näheren Umstände
dieser Erscheinung sind noch nicht genügend erforscht; nach den Aufzeichnungen
der Registrirapparate zu Manila im Orkan vom 20. Oktober 1882 zeigte die
Lufttemperatur daselbst eine kurzdauernde Steigerung um 7°, während das
Centrum über die Stadt passirte, und sank für dieselbe Zeit die Luftfeuchtigkeit,
die sich während der übrigen Zeit nahe dem Sättigungspunkte hielt, bis auf 43 0;
es wäre sehr interessant, festzustellen, ob eine ähnliche Hitze von so be-
schränkter Ausdehnung auch in anderen Fällen im Centrum des Orkans an-
zutreffen ist. Die in Manila beobachteten Thatsachen erinnern vollständig an
den Befund bei dem heifsen, trockenen Winde der Alpenthäler, dem „Föhn“,
von welchem nunmehr mit voller Sicherheit nachgewiesen ist, dals seine be-
sonderen Eigenschaften durch das Herabsteigen der Luft bedingt sind, wobei
dieselbe unter gröfseren Druck kommt, dadurch um 1°C. für jede 100 Meter
erwärmt wird, ihren Dampfgehalt aber nicht wesentlich zu erhöhen vermag
und daher relativ sehr trocken wird und keine Wolken enthalten kann. In
der That hat Herr Dr. Vettin in Berlin durch Experimente im Kleinen be-
wiesen (s. „Meteorologische Zeitschrift“ vom Juli 1884), dafs im Centrum eines
aufsteigenden Luftwirbels sich eine saugende Wirkung auch auf die oberen
Luftschichten bemerkbar macht und sehr leicht ein Hinabstürzen der Luft von
oben in den centralen Kanal sich einstellt.
Zum Schlufs des dritten Abschnittes liefert der Verfasser eine eingehende
Untersuchung (33 Seiten) der Ueberschwemmungen, welche auf Cuba theils durch
die Orkanwelle, theils durch die den Orkan hegleitenden Regengüsse hervor-
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