216
Neuere Forschungen über Westindische Orkane,
stande; der Wechsel von Land- und Seewind wird in der Regel dabei unter-
drückt und das Verhältnifs der Winde zu den Tageszeiten und zum Barometer
nicht selten umgekehrt. So wehte am 14. September 1876, während der Orkan
auf Hayti herrschte, in Havana den Tag über Südwind mit hohem Barometer,
welcher in der folgenden Nacht durch NNE-Wind mit fallendem Luftdruck
ersetzt wurde; es ist aber in Havana ebenso anomal, Nordwind in der Nacht
und mit sinkendem Barometer, wie Südwind am Tage und mit steigendem
Barometer zu haben,
Wie es im Allgemeinen der Fall ist, so zeigen auch hier die anticyklo-
nischen Winde langsamere Aenderungen in ihrer Richtung, als die cyklonischen;
die Lage des Centrums des hohen Druckes ergiebt sich auch hier aus ihrer
Richtung in der Weise, dafs bei Südwind der hohe Druck im S bis E, bei
Westwind im W bis S u. s. w. liegt. In Bezug auf die Witterung ist noch zu
bemerken, dafs nach Vines die Antieyklonen, welche die auf der grofßsen Zug-
strafse der barometrischen Minima zwischen 45° und 50° N-Br fortschreitenden
Depressionen im Süden begrenzen, zuweilen eine Ausnahme von obiger Regel
bilden, indem sie an der Nordküste von Cuba regnerisches Wetter herbeiführen,
wie dieses nicht selten bei Nord- und Nordoststürmen hier vorkommt. Solche
Anticyklonen haben keinen Orkan im Gefolge.
In dem Maße, wie sich das Centrum des hohen Druckes entfernt und
der Orkan sich dem Beobachter nähert, sinkt das Barometer langsam und über-
zieht sich der bis dahin klare Himmel mit einem zarten Schleier, welcher sich
allmählich verdichtet und Höfe resp. weite Ringe um Sonne und Mond erzeugt.
Bei Aufgang und Untergang der Sonne färbt sich der Himmel, und dadurch
auch alle Gegenstände, in ein feuriges dunkles Roth und Violett, wodurch die
Dämmerung verlängert wird; ist der Schleier schon dichter (milchige Trübung
am Tage), so scheint alsdann die ganze Atmosphäre in Flammen zu stehen.
Diese bald der dunklen Rothgluth eines Metalls, bald der Ziegelfarbe oder
Kupferfarbe verglichenen Beleuchtungen sollen einen so eigenartigen Charakter
haben, dafs sie von Keinem, der sie einmal gesehen hat, übersehen oder mit
gewöhnlichem Abendroth verwechselt werden können.
Neben diesem dünnen Schleier, welcher in seinen ersten Phasen kaum
bemerkbar ist, zeigen sich die ersten deutlich sichtbaren Vorläufer des Orkans
am Himmel, lange zarte weilßse Federwolken. Dieselben sind auch das letzte
Signal des Orkans bei seiner Entfernung. Viieos ist der erste Schriftsteller,
welcher diesen Wolken bei tropischen Orkanen eingehenderes Studium gewidmet
hat, und wenn, aus eben dieser Ursache, seine Verallgemeinerungen mit einiger
Vorsicht aufzunehmen sind, so ist auf der anderen Seite sehr zu wünschen,
dafs der Gegenstand von ihm und anderen Beobachtern in den Tropen weiter
verfolgt werde. Insbesondere würden auch die Seeleute zur Klärung dieser,
auch in praktischer Hinsicht sehr wichtigen Fragen viel beitragen können.
Nach Viöes würde der den Orkanen eigenthümliche Typus dieser Wolken,
welcher besonders auf der Vorderseite des Orkans vom September 1876 aus-
geprägt war, die Federform sein (vom Verfasser „Cirro-Stratus plumiformes“
zenannt), mit einer in den Radius der Depression fallenden Axe und einer
Fahne von nach auswärts divergirenden Fasern, der Stiel dieser Feder steckt
in der Wolkenbank, welche den eigentlichen Orkan bedeckt. Der zweite Typus
der Federwolken zu Havana wäre der fädige (aus geraden langen Linien),
welcher sowohl bei Orkanen, als auch in der gewöhnlichen oberen westlichen
Luftströmung vorkommt und also nicht alarmirend ist. Die Bewegung dieser
Wolken behandelt Viäes nicht genauer, sondern spricht im Allgemeinen die
Annahme aus, dafs sie der Längsrichtung der Federn parallel und von dem
Centrum des Orkans nach allen Seiten ausströmend sei. Die Analogie mit den
europäischen Wirbeln macht indessen diesen Ausspruch nur für die Vorderseite
der Cyklone wahrscheinlich und läfst für die Rückseite hingegen eine Prüfung
der Frage auf Grund reichhaltigeren Materials nothwendig erscheinen. Das
genauere Studium des Charakters, der Lage und der Bewegung der Federwolken
in der Umgebung des Orkans ist um so wichtiger, als es voraussichtlich im
Stande sein wird, dem Seemanne Auskünfte über die Existenz, Lage und Fort-
pflanzung eines Orkans zu ertheilen zu einer Zeit, wo er noch die volle Herr-
schaft über sein Schiff hat, während die jetzigen Vorschriften erst zur An-