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Neuere Forschungen über Westindische Orkane.
Barometerstand, andererseits durch einen doppelten Wolkenschirm, dessen oberer
weit übergreifender Theil aus Federwolken und mehr oder weniger dichten
Schleiern, dessen unterer und innerer Theil aus dichten Regen- und Böenwolken
besteht. Der Halbmesser dieser verschiedenen Bezirke stellte sich nach den
Beobachtungen zu Havana bei den obigen droi Orkanen folgendermaflsen, wenn
man das Gebiet niederen Druckes bis zu der Grenze rechnet, jenseits welcher
das Barometer über seiner normalen Höhe stand (in Soemeilen ausgedrückt):
Sept. 1875
Sept. 1876
Okt. 1876
Vorderer
Halbmesser
Hinterer
Halbmesser
A ar CE
Gebiet niederen Druckes . .
Cirrus-Wolkenschirm. . .
Regen- und Nimbus-Scheibe
Gebiet niederen Druckes X =
Cirrus-Wolkenschirm. . . 240 —
Regen- und Nimbus-Scheibe 0 — 185
Gebiet niederen Druckes , 530 — — — —
Cirrus-Wolkenschirm, .. — 300 — — 360
Regen- und Nimbus-Scheibe — — 300 250 —
“n
unbekannt
600 —
f
(
— 20
140
750
500
Noch bedeutend beschränkter, als die Wolken-Scheibe, war das Gebiet
der heftigen Winde. Sein ungefährer Halbmesser betrug bei dem Orkan vom
September 1875 etwa 180 Sm, bei jenem vom September 1876 bei Porto Rico
nur etwa 90 Sm, bei Havana etwa 135 Sm; der Orkan vom Oktober 1876 hatte
am letzteren Ort einen mittleren Halbmesser von etwa 190 Sm.
Im Centrum des Wirbels liegt, wie allgemein bekannt ist, stets
ein Gebiet mit (von schwachen, intermittirenden Winden unterbrochener)
Windstille. Die Ausdehnung desselben läfst sich nach ihrer Dauer und der
Fortpflanzung des Orkans berechnen, und stellt sich für deu ersten der drei
Orkane (Dauer !/2 Stunde) auf 10 Sm, für den zweiten zu Porto Rico (Dauer
25 Minuten) auf 7—8 Sm, im östlichen Theile von Cuba (Dauer 1 Stunde) auf
mehr als 15 Sm, für den dritten Orkan zu Havana (Dauer der Stille 1 Stunde)
auf etwa 15 Sm. In der unmittelbaren Umgebung dieses windstillen Theiles
war die Windstärke nur mäfsig, 5—10m per Sekunde oder 2—5 der Beaufort-
Skala. Der Durchmesser dieses ganzen orkanfreien inneren Gebietes stellte sich
im ersten Falle auf 40, im dritten auf etwa 60 Sm, war jedoch in diesem
letzteren bedeutend gröfser in der Richtung von W nach E als in jener von N
nach S. Die Dauer dieser ganzen Pause im Orkan betrug bei dieser letzten
Cyklone, wegen deren langsamer Fortpflanzung, auf Cuba ganze 3'/2 bis 4 Stunden.
Während das Centrum des Orkans vom September 1875 in geringer Entfornung
im NNE von Havana vorüberzog, herrschte daselbst in der Nacht vom 13.
zum 14. von 12% bis 2% fast windstilles Wetter, die Regenböen hörten anf, und
im Zenit wurden einzelne Sterne sichtbar, indessen das Barometer am tiefsten
stand und der schwache Wind rasch von N durch W nach SSW umging. Diese
Abnahme und sogar theilweise Durchbrechung der Wolkendecke beim Vorüber-
gange des Centrums ist in vielen Fällen beobachtet, ihre Erklärung ist zwar
noch nicht mit Sicherheit bekannt, jedoch wahrscheinlich in absteigenden Luft-
strömen zu suchen, welche das grofse Gebiet mit aufsteigender Luftbewegung
in seinem Centrum durchbrechen.
Die Windstärke war beim Orkan vom September 1875 auf den Kleinen
Antillen am gröfsten, jedoch auch noch beim Betreten der Insel Cuba richtete
der Wirbelsturm grofse Verheerungen an. Während der Bowegung über die
Insel, welche fast der Längsaxe derselben entlang erfolgte, nahm die Stärke
des Sturmes sehr ab, so dafs er in Havana eigentlich nicht als Orkan, sondern
nur wie ein starker Norder sich zeigte (gröfste Windgeschwindigkeit 20m p. Sek.);
darauf erfolgte über dem Golfe von Mexico wieder Verstärkung und trat der
Sturm in Texas sehr heftig auf, so dafs in Indianola 40m p. Sok. gemessen
wurden, und nachdem der Sturm das Anemometer weggerissen hatte, bis 50m
p. Sek. geschätzt wurden; bei der weiteren Fortpflanzung über das Festland
von Nord-Amerika trat aufs Neue Abschwächung ein. Auch der Orkan vom
September 1876 verlor einen grofen Theil seiner zerstörenden Energie über