Gewitter- und Hagelbildung.
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Reibung hervorzurufen, wie sie in der hydroelektrischen Maschine stattfindet.
Ohne Wirbelbewegung würden die elektrischen. Erscheinungen bei Gewittern
nicht intensiver sein, als überhaupt bei rascher Nebel-, Wolken- und Regen-
bildung; man würde höchstens eine Art von Wetterleuchten wahrnehmen können,
Dagegen bin ich mit Herrn Prof, Luvini auch der Ansicht, dafs die
Cirruswolken sehr wohl auf den elektrischen Zustand der Luft einwirken können.
Diese Ansicht wird sogar durch die jüngsten Beobachtungen am Kap Horn ‘*)
durchaus bestätigt. Dort fand Herr Lephay, dafs cumuli einen positiven
Einflufs ausüben und dafs sehr hoch gehende cirro-cumuli bei ihrem Vorüber-
gang die positive Spannung der Luft bis auf 400 volts hoben. Cirro-stratus-
Wolken hatten dagegen auch nicht den geringsten Einflufs auf den Apparat.
Ferner ergab sich, dafs immer mit dem Auftreten feuchten Windes aus WNW
bis WSW die Luftelektrieität am stärksten war, während trockene und warme
Winde die normale positive Spannung der Luft verminderten. Auch diese
neneren Beobachtungen beweisen die Abhängigkeit der Luftelektricität von dem
Feuchtigkeitsgehalte der Luft, .
Jebrigens theilt Prof. Luvini die Blitze in drei Arten oder Klassen ein,
die sich aber nicht mit den bisher gewöhnlich angenommenen drei Arten (der
Zickzack-, Flächen- und Kugelblitze) decken. Wenn in dem Raume, wo die
elektrische Entladung stattfindet, die Spannung ziemlich gleichförmig ist, so,
entwickelt sich ein Blitzen (Leuchten) ohne erkennbaren Strahl, und er nennt
diese Entladung eine solche der ersten Art, Ist aber jener Raum ausgedehnter
und die elektrische Spannung in seinen verschiedenen Theilen ungleich grofs,
so findet die Vereinigung der geschiedenen Elektricitäten mit gröflserer Energie
auf der Linie gröfster Spannung statt und man sieht einen Blitzstrahl dieser
Linie folgen; er nennt diese Entladung einen Blitz der zweiten Art. Die erstere
Art entspricht dem Reiben eines Katzenfells mit der Hand im Dunkeln, Hier-
bei findet eine kontinuirliche Trennung und Wiedervereinigung der. beiden
Elektricitäten statt.wie in der Wolke. Die gewöhnliche in Thätigkeit gesetzte
Elektrisirmaschine läfst ein Geräusch vernehmen und man sieht im Dunkeln
Lichtfunken nach allen Richtungen fahren, entsprechend den Blitzen zweiter
Art.. Die Entladungen zwischen zwei entfernten Theilen derselben Wolke oder
zwischen zwei verschiedenen Wolken oder zwischen einer Wolke und der Erde
bilden die Blitze der dritten Art.
In Betreff der Hagelbildung hat Prof. Luvini®) eine-neue Theorie auf-
gestellt, die auf dem Fundamentalsatz basirt, dafs ein in der Luft resp. der
Wolke befindlicher und vom Blitze getroffener Wassertropfen in den sogenannten
sphäroidalen Zustand übergeht, wobei seine Temperatur, wenn um ihn herum
sich ein luftleerer Raum bildet, um soviel Grade unter Null sinken kann, dafs
er fast augenblicklich gefriert. Nun haben Nollet,*) Beccaria*) und Peltier
gezeigt, dafs Flüssigkeiten, deren Oberfläche elektrisirt wird, schneller ver-
dampfen und infolge dessen rascher erkalten, als im gewöhnlichen Zustande;
daraus geht hervor, dafs infolge einer elektrisch beschleunigten Verdampfung
auch ein Gefrieren eintreten kann. Unter dem Einflufs einer starken elektrischen
Entladung auf die Wassertropfen findet also eine rasche Verdampfung derselben
an ihrer Oberfläche statt, so dafs sich rundum eine die Luft verdrängende
Dampfschicht bildet, während der nicht verdampfte Theil des Tropfens in den
sphäroidalen Zustand übergeht. Infolge der niedrigen Temperatur ‚der Höhe
und der Strahlung nimmt die Temperatur der Dampfschicht rasch ab und der
Tropfen befindet sich zeitweise unter einem verminderten Druck, seine Tempe-
ratur kann auf diese Weise mehrere Grade unter Null sinken und so bilden
sich die ersten Eiskerne. Diese können sich noch mit einander vereinigen und
dadurch entstehen die verschiedenen Formen der Hagelkörner. Es lälst sich
nicht leugnen, dafs auf diese Weise die Bildung von KEismassen der ver-
schiedensten Form erklärt werden kann, indessen reicht diese Erklärung doch
nicht für alle Formen der Hagelkörner aus, dazu ist unbedingt eine Wirbel-
I) Mission scientifique du Cap Horn. Paris 1884.
) Luvini, G., Un modo di formazione della grandine (Rivista Scientifico Industriale),
/ Recherches sur les causes des phenomenes electriques 1749, pag. 315.
‘) L’’ elettricismo artificiale, Turin 1872, pag. 274.