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Gewitter- und Hagelbildung,
Regengufs z. B. läfst die Wolke, der er seine Entstehung verdankf, positiv
alektrisch zurück. Ein Hagel- oder Graupelfall läfst die betreffende Wolke
negativ elektrisch zurück. In diesem Falle kann sehr wohl die Ausgleichung
ler Potentialdifferenz einen Blitzstrahl zur Folge haben. Dies kann schon ein-
ireten, wenn in einer Wolke durch eine heftige Entladung die elektrische
Spannung momentan sehr vermindert wird, während neben ihr eine andere von
hoher Spannung befindlich ist. Man mufs ferner berücksichtigen, dafs durch
die fortwährende Bildung von Wirbeln die elektrischen Zustände die gröfsten
und raschesten Veränderungen erleiden, dafs das Herausfallen grofser Regen-
mnengen und die Hagelbildung die elektrische Spannung fortwährend modißeiren,
dafs jeder Blitzschlag durch die plötzliche Verminderung der Spannung die
Ursache zu neuen Spannungsdifferenzen wird, bis endlich so viel Wasserdampf
piedergeschlagen ist, dafs die Elektricitätsquelle versiegt. Ich hebe hier noch-
mals ausdrücklich hervor, dafs ohne die Wirbelbewegung diese gro[sartige Ent-
wickelung von Elektrieitätsmengen von so hoher Spannung nicht erklärt werden
kann. Es mufßs durchaus eine rein mechanische Kraft vorhanden sein, um
die nöthige Reibung hervorzurufen. Wir sehen die hydroelektrische Maschine
in kürzester Zeit die gröfsten Elektricitätsmengen erzeugen, und zwar um
30 mehr, je gröfser die Dampfspannung, also auch die Reibung ist; wir sehen
ferner bei vulkanischen Ausbrüchen immer gewitterartige Erscheinungen von
grofser Heftigkeit auftreten, die ihre vollständige Erklärung in dem äußerst
heftigen Ausströmen der Wasserdämpfe finden. Ein solcher thätiger Vulkan
atellt in Bezug auf die elektrischen Erscheinungen eine vollständige hydro-
alektrische Maschine dar. Der Wasserdampf wird durch innere Kräfte mit
Gewalt herausgeschleudert, er kühlt sich beim Verlassen der Oeffnung theil-
weise rasch ab, es findet also- Reibung von Wasserdampf und Wasserkügelchen
an einander statt, und damit ist die Quelle für die Elektricität gegeben. Aulfser-
dem wird der gleichzeitig mit ausgeworfene Staub auch durch Reibung zur
Entwickelung von Elektricität beitragen.‘)
Die sich infolge der Wirbelbewegung bildenden Wassertropfen müssen
negativ elektrisch sein, die ihnen ertheilte Elektricität führen sie mit sich fort,
während die Wolke positiv elektrisch zurückbleibt; sie sind um so mehr negativ
alektrisch, je gröfser sie selbst und je gröfser die von ihnen beim Fallen zurück-
gelegte Strecke ist. Sie theilen dabei ihre starke negativo Elektricität der
Luft mit. Wir sehön daher auch bei einem herannahenden Gewitter infolge
des sich bildenden positiven Wasserdampfs die positive Spannung der Luft
rasch steigen, dann aber beim ersten heftigen Regengufs plötzlich in eine
negative übergehen, die beim Aufhören des Regens wieder abnimmt und zum
positiven Zeichen übergeht und so fort. Dieser schwankende Zustand der Luft-
elektrieität wird sehr schön durch die Fig, 6, Taf. III, in Kämtz’ Meteoro-
logie, Band II, dargestellt. Die betreffende Figur ist äufserst instruktiv.
Während eines seitwärts vorüberziehenden Gewitters sieht man die positive
Elektricität der Luft im Allgemeinen zunehmen, bis das Gewitter die gröfste
Nähe erreicht hat. Mit dem sich entfernenden Gewitter nimmt dieselbe auch
wieder ab, Bei jedem Blitzschlage nimmt dagegen die positive Spannung
sprungweise ab, was dadurch erklärlich, dafs eben die positive Elektricität
der Gewitterwolken plötzlich durch die Entladung an Spannung viel verliert.
Bei einem durch den Zenith ziehenden Gowitter wächst ebenfalls mit dem
Herannahen desselben die positive Luftelektricität schnell, geht aber bei be-
zinnendem Regenfall und gröfster Nähe des Gewitters urplötzlich in ebenso
starke negative Spannung über, welche dann mit aufhörendem Regen langsam
abnimmt, doch so, dafs bei jedem Blitze sie plötzlich wieder zunimmt (d. h.
stärker negativ elektrisch wird), bis sie allmählich von Neuem positiv geworden
ist. Bei einem neuen Regengufs wird sie aber wiederum ebenso plötzlich
stark negativ elektrisch, und diese negative Elektricität nimmt mit aufhörendem
1) Da der Vesuv fast immer mehr oder weniger Wasserdampf und Staubtheilchen auswirft,
zo müssen sich über seinem Krater elektrische Zustände entwickeln, die nicht ohne Einflufs auf die
Luftelektrieität seiner nächsten Umgebung sein können. Daher dürfen auch die Resultate von Prof.
Palmieri über Luftelektrieität nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden, denn es leuchtet ein,
dafs bei der Lage seines Observatoriums je nach dem herrschenden Winde sein Elektrometer auch
mehr oder weniger von jenen elektrischen Zuständen beeinflufst werden mufs.