Ann. d. Hydr. ete., XIII. Jahrg. (1885), Heft IV,
N
Nachträge zu dem Artikel über Gewitter- und Hagelbildung,
Von Dr. P. Andries,
(Schlufs.)
Die bisherigen Betrachtungen bezogen sich fast ausschliefslich auf die
dynamische Seite des Problems. Ich wende mich jetzt zu der physika-
Jlischen Seite desselben. ;
In meinem früheren Artikel hatte ich auf die Rolle hingewiesen, die die
Kondensation des Wasserdampfes bei der Elektricitätsentwickelung spielt. Ich
betrachtete die Kondensation eigentlich nicht als Quelle der Elektricität,
sondern als einen Vorgang, der die schon vorhandene an den Wasserkügelchen
überhaupt haftende Elektricität gewissermaflsen koncentrire, so dafs die
elektrische Spannung durch diese Koncentration erhöht werde. Durch eine
rasche Kondensation als Folge der Wirbelbewegung mülfste also schon allein
eine ziemlich hohe elektrische Spannung möglich sein. Allein als eigentliche
Elektrieitätsquelle, die schon auf den Wasserkügelchen eine gewisse elektrische
Spannung erzeugt, kann hauptsächlich nur die Reibung dieser Kügelchen an
der feuchten Luft betrachtet werden. Ich‘ hob die Untersuchung Faraday’s
(Seite 67, wegen Mangel an Raum konnte ich nicht so ausführlich, als wünschens-
werth gewesen, auf diesen Punkt eingehen) über den aus einem Dampfkessel
ausströmenden Dampf hervor und schrieb die Entstehung der Luftelektricität
sowie auch diejenige der Gewitter zum gröfsten Theil der Reibung zu. Weitere
Studien über diesen Punkt bestärkten mich immer mehr‘in der Ansicht, dafs in
dieser Reibung die Hauptquelle der Luftelektricität zu suchen sei, und dafs in
Betreff der Gewitter mit Zuhülfenahme dieses Satzes die enorme stundenlang
andauernde Entwickelung von Elektricität sich vollständig erklären lasse. Ich
wurde in dieser Auffassung noch bestärkt durch die im Herbst 1884 erschienene
Arbeit von Prof. Luvini in Turin,!) worin derselbe, ebenfalls auf die Unter-
suchungen Faraday’s sich stützend, in ausführlicher Weise nachweist, dafs Eis
und verschiedene andere Körper, wofern sie sich an feuchter Luft reiben,
elektrisch werden. Kurze Zeit darauf hat auch Herr C. Liebenow im „Natur-
forscher“ (No. 50, 1884), wiederum auf Grund der Faraday’schen Experimente,
den Satz aufgestellt, dals die Reibung zwischen Wasser und Wasserdampf die
Hauptquelle der Luft- und Gewitterelektricität sei.
In der Armstrong’schen Dampfelektrisirmaschine reibt sich der Dampf
an den inneren feuchten Wänden der Ausströmungsröhrchen, Faraday fand
num, wie schon früher erwähnt, dafs dieser Dampf nur dann elektrisch wurde,
wenn er feucht war, d. h. wenn er Wassertheilchen mit sich fortrifs uud wenn
dieser feuchte Dampf sich an den Ausflufsöffnungen rieb. Die Innenwände der
Röhrchen sind durch theilweise Kondensation des hindurchströmenden Dampfes
mit flüssigem Wasser überzogen,’) es reiben sich also Wasserdampf
und Wasser an einander. Nun erweist sich aber der Dampf stark positiv,
die Maschine negativ elektrisch. Daraus folgt also der Satz: Wenn Wasser-
dampf und flüssiges Wasser sich an einander reiben, so wird der
Dampf positiv elektrisch und das Wasser negativ elektrisch.
1) Origine dell’ elettricita dell’ aria delle nubi temporalesche e delle eruzioni vulcaniche per
G. Luvini. (Rivista Scientifico-Industriale.) ss
2) Dieser Punkt ist wesentlich; zu grofse Hitze, namentlich der Röhren, verhindert‘ trotz
starker Dampfbildung die Entwickelung der Elektricität,