Gewitter und Hagelbildung.
131
Spitze des Wirbels faktisch den Boden erreicht, ja oft unter demselben fort-
gesetzt gedacht werden mufs. In diesem Falle entsteht ein allseitig geschlossener
cylindrischer oder kegelförmiger Raum!) (abgestumpfter Kegel), innerhalb
dessen infolge der Centrifugalkraft ein theilweises Vacuum entsteht, dessen auf-
saugende Kraft allgemein bekannt ist. Zu der grofsen Fortpflanzungsgeschwindig-
keit tritt nun noch die durch die Wirbelbewegung veranlafste hinzu, so dafs
(siehe die Figur) in den Punkten a, a ein kurz dauernder, aber heftiger Wind-
stofs (etwa aus SW) auftreten muß, während die Krümmung der Windbahn bei
b, b sich kaum dem Beobachter bemerklich macht, weil sie eben von sehr
kurzer Dauer ist. (Ich habe bei dem Seite 2, „Ann. d. Hydr. etc.“, 1884, er-
wähnten Experiment sehr häufig die in obiger Figur dargestellte Bewegung der
Staubtheilchen beobachtet, und zwar um so deutlicher, je schneller sich der
Wirbel fortbewegte.)
Wir sehen ferner, dafs sich kreuzende Luftströme bei den Gewittern
eine grofse Rolle spielen. Ich erinnere an die oben mitgetheilten Beobach-
tungen von Lecoc, Tissandier, an die Küstengewitter in den Tropen beim
Wechsel der Land- und Seewinde und an die weitaus überwiegende Zahl der
Stürme beim Wechsel der Monsune gegenüber der Zahl dieser Stürme bei
dauerndem SW-Monsun oder NE-Monsun. Besonders aber mufs für die obere
Luftströmung, mit der auch die Bildung der Cirrusschicht im engsten Zusammen-
hang steht, in Bezug auf die Form und die Richtung einer Gewitterzone die
Führerrolle in Anspruch genommen werden. Die Form der Gewitterstriche
stellt sich überall als lang gestrecktes Band?) dar. Unter Hunderten von
Beispielen führe ich nur das eine vom 13. Juli 1788 an. Wenn zwei Hagel-
striche mit einem Regenstriche zwischen sich und je einem auf den beiden
äufseren Seiten der beiden Hagelstriche genau parallel 200 Meilen weit in
3) Diese Auffassung ist, streng genommen, nicht allgemein richtig. In einem fortschreiten-
den Wirbel bleiben die ihn momentan zusammensetzenden Luftmassen nicht dieselben, im
Gegentheil werden fortwährend neue Luftmassen in die Wirbelbewegung hineingezogen und ebenso
ausgeschieden. (Siehe obige Figur.)
2) Wenn die in Deutschland auftretenden Gewitter in breiterer Front auftreten sollten, als
dies in Nordamerika der Fall ist, so hinge dies einfach damit zusammen, dafs in Amerika die oberen
Luftströme eine viel gröfsere Energie und Geschwindigkeit besitzen, als in Europa, was ja auch
durch die weit gröfsere Geschwindigkeit des Fortschreitens der dortigen Cyklonen bewiesen wird,
Dadurch müssen natürlich die Zonen der Gewitter- und Hagelstürme auch dort viel mehr in die
Länge gezogen werden, als hier, Aber es erscheint dabei die absolute Breite solcher Zonen in
Amerika eben so grofs, als in Deutschland, wenn man den Mafsstab der Karten berücksichtigt. Die
am 12, Juni 1881 in Iowa und den angrenzenden Staaten auftretenden 19 Tornados und Hagel-
striche nehmen eine Breite ein, die jener des Gewittersturmes vom 9, August 1881 gleichkommt. Bei
diesem letzteren Sturme strömten infolge einer im NW liegenden Depression die SW-Winde in der
Höhe (der SW-Wind tritt in der Höhe immer eher auf, als am Boden) zuerst über ein ausgedehntes,
hoch erwärmtes Gebiet; es mufsten also auch auf diesem Gebiete in der schon früher erklärten
Weise zahlreiche Gewitter auftreten, die stellenweise mehr oder minder heftig waren, je nach der
Höhe der warmen Luftsäulen, die von der oberen SW-Strömung erfalst wurden, und der gröfseren
oder geringeren Geschwindigkeit der einzelnen Fäden der grofsen allgemeinen SW- Strömung.
Höchstwahrscheinlich existirte auch über der SW-Strömung eine solche aus SE. Ich habe wieder-
holt bei herannahenden Cyklonen über der unteren zum Durchbruch gekommenen SW-Strömung
eine südöstliche (S bis E) bemerkt. Auf der von S nach N gerichteten Zone, über welcher sich
diese beiden Strömungen aus SW und SE trafen oder kreuzten, entwickelte sich jenes Gewittergebiet
am 9. August 1881, 2% p, m., welches die Karte, Tafel 20 der „Ann. d. Hydr, etc,“, zur Dar-
stellung bringt. Das Gebiet des orkanartigen Windes liegt etwas östlicher, verläuft aber sonst genau
parallel mit dem Gewittergebiet, Herrschte aber in der Höhe eine südöstliche Strömung, so mulfste
natürlicher Weise das Sturmgebiet etwas östlicher liegen, als die Gewitterzone, zugleich wird durch
den die Ueberhand gewinnenden Einflufs der SE-Strömung die seitliche Verschiebung quer
Zur Längslinie im Norden des Gebiets erklärt. Dabei entwickeln sich in Holstein zwei parallele
von SW nach NE gerichtete Hagelstriche, Uebrigens setzte sich dieser grofse Gewittersturm, der in
mannigfacher Beziehung eine Ausuahme bildet, aus mehreren Gewitterzonen zusammen, und ich
kann daher die nach Dr. Köppen „vollkommen andere Art“ des Fortschreitens europäischer Ge-
witter, nämlich in einer im Verhältnife zur Länge der Zone sehr breiten Front, gegenüber den
amerikanischen. Hagel- und Tornadostürmen, nicht anerkennen. Erst vor Kurzem hat Herr H, A.
Hazen. das Vorhandensein ausgedehnter Hagel- und Gewitterstürme in der Nähe der
Tornados und die innige Beziehung dieser beiden Phänomene auf Grund langjähriger
Beobachtungen hervorgehoben. Warum also die Art des Fortschreitens der europäischen Gewitter
eine vollkommen andere sein soll, als die der amerikanischen, ist gar nicht einzusehen, Der Unter-
schied ist nur ein gradueller, und dieser läfst sich als Folge der energischeren Abwickelung aller
meteorologischen Erscheinungen in Nordamerika naturgemäfs erklären. Auch hat Dr. Ferrari für
Italien gefunden, dafs die Form der Gewitterstriche sich dort wie anderwärts als ein lang ge-
Strecktes Band darstellt.