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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 13 (1885)

Gewitter- und Hagelbildung. 
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Zur Erklärung dieser Erscheinung nehme ich an, dafs ein Gewitterwirbel 
(kleine Trombe) mit seiner Spitze den Boden erreichte, dort eine gewisse 
Wassermenge aufsog, mit sich in die Höhe rifßs und bei der pendelnden und 
hüpfenden Bewegung (die Spitze eines solchen Wirbels hebt und senkt sich 
abwechselnd) an das betreffende Fenster schlug, wobei die Wassermenge infolge 
der ihr mitgetheilten lebendigen Kraft noch bis zur Decke drang. Der gleich- 
zeitig auftretende Blitz (Kugelblitz) war nur eine Begleiterscheinung, . Dafs die 
Spitzen solcher Wirbel zuweilen stark elektrisch geladen sind, wird später bei 
Erwähnung der Kugelblitze erörtert. 
Folgende Beobachtung ergänzt und bestätigt die früher aufgestellte Be- 
hauptung des Herabsteigens der kalten Luft der Höhe nach einem Gewitter, 
Michie Smith sagt,') dafs nach einem ungewöhnlich frühzeitigen und 
heftigen Monsun, der durch einen bemerkenswerthen Gewittersturm 
eingeleitet wurde, eine Periode fulgte, wo das Spektrum eine abnorme 
Armuth an Wasserdampf der Luft anzeigte. Piazzi-Smith fand ver- 
mittelst des Spektroskops, dafs der Wasserdampf nur auf die untersten Schichten 
der Atmosphäre beschränkt ist, während die die Gruppe B bildenden trockenen 
Gase sich in der ganzen Atmosphäre, sowohl in der oberen als in der unteren, 
vorfinden. 
Endlich mufs ich noch folgenden sehr interessanten Fall anführen. Der 
bekannte Aeronaut Herr Securius stieg mit seinem Ballon im September 1884 
in Hannover bei ziemlich ruhiger Luft auf und beobachtete in 900m Höhe in 
vier verschiedenen Richtungen erhebliche Regengüsse. Der Ballon stieg höher, 
und in. 2300m Höhe drang derselbe in eine grofse dunkele Wolke, wo Herr 
Securius von Finsternifs umgeben war. Ein furchtbarer Hagel: prasselte auf 
den Ballon, und ein heftiges Gewitter war herangezogen, so dafs die Finsternifs 
nur durch das Zucken der Blitze gelichtet wurde, ein Gewittersturm im wahren 
Sinne des Wortes war hereingebrochen. Der Sturm heulte durch das Rohr- 
geflecht der Gondel in den wunderlichsten Tönen, und der Ballon wurde so 
von der einen Seite nach der anderen geschleudert, dafs sich Herr 
Securius auf den Boden des Korbes setzen und sich fest anklammern mulste, 
um nicht aus dem Korbe geschleudert zu werden. Das Letztere stand ihm 
jede Sekunde vor Augen, denn der Ballon geberdete sich wie rasend in dem 
Netzwerke, so dafs das Iluftige Fahrzeug in allen seinen Theilen ächzte und 
dröhnte. Es waren schauerliche Minuten! Der Ballon war endlich auf seiner 
höchsten Höhe von 3300m angekommen, woselbst das Hagelwetter stärker 
wurde und eine bittere Kälte eintrat, so dafs die Taue der Gondel, 
die letztere selbst und der einzige Insasse mit einer dicken Eiskruste über- 
zogen wurden. Herr Securius, welcher 262 Luftballonfahrten hinter sich hat, 
erinnert sich nicht, jemals Derartiges erlebt und Aehnliches durchgemacht 
zu haben. Auf meine briefliche Anfrage bei Herrn Securius über die Richtung, 
in welcher der Hagel fiel (senkrecht oder schräg), und was er als Ursache des 
Hin- und Herschleuderns des Ballons betrachte, antwortete mir derselbe mit 
den Worten: „Der Hagel kam in beiden Höhen von oben und etwas schräg. 
UVeberzeugt bin ich, daß es eine wirbelnde Bewegung war, da ich seiner Zeit 
bei einer Ballonfahrt von Berlin bis hinter Stettin in der Zeit von 2 Stunden 
6 Minuten bei stürmischem Wetter nicht die geringste Schwankung 
wahrgenommen habe (mittlere Geschwindigkeit 18m per Sekunde).“ Letztere 
Thatsache ist leicht erklärlich. Bei dieser Fahrt von Berlin nach Stettin befand 
sich der Ballon in einer kräftigen oberen Luftströmung, die denselben in seiner 
Gesammtheit forttrug, ähnlich wie ein Schiff ja auch selbst in einer starken 
Flufsströmung schnell, aber ruhig dahingleitet. 
Die pendelnde und hüpfende Bewegung des Ballons während des 
Gewitters aber deutet entschieden auf eine wirbelnde Bewegung der Luft.®) 
1) „Nature“, Bd. 29, 1884, No. 747. 
%Z) Wahrscheinlich befand sich der Ballon auch in der Höhe von 3300m noch nicht in der 
Region der Wirbel, sondern am unteren Ende, am Fufse derselben, dort, wo die Spitzen dieser 
Wirbel die pendelnde und hüpfende Bewegung ausführen, die man so häufig bei Tornados beob- 
achtet, Wäre aber auch Herr Securius noch höher gestiegen, so. würde er kaum die Wirbel- 
bewegung bemerkt haben, denn in einer dichten Wolke fehlte ihm jeder feste Punkt, auf den er 
die Art seiner Bewegung hätte beziehen können. Nur in.dem Falle. wo er die Erde und andere
	        
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