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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 12 (1884)

Ueber Gewitter- und Hagelbildung, 
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überzieht. Die im Winter über den beiden Polarzonen stattfindende beträcht- 
liche Senkung der Niveauschichten bedingt in der Höhe ein vermehrtes Herbei- 
strömen von relativ warmer und feuchter Luft aus südlicheren Breiten. Die 
damit verbundene Kondensation, d. h. die Bildung von Wolken und Eisnadeln, 
bildet eine neue Quelle von Elektricität, die, zu der schon vorhandenen Elektri- 
citätsmenge in jenen hohen Schichten nördlicher Breiten hinzukommend, jene 
unter dem Namen Polarlicht bekannte elektrische Erscheinung veranlassen mag.!) 
Uebrigens behauptet Prof. Denza, dafs sich kein sicheres Gesetz über den 
mittleren jährlichen Gang der Luftelektricität finden läfst, und dafs dieser Gang 
weder der Periode der magnetischen Variationen, noch derjenigen der 
Sonnenflecke folge.) ; 
Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der Luftelektricität will ich 
noch zum Schluß einige Worte über das Wetterleuchten folgen lassen. Dasselbe 
rührt in der Regel von Gewittern her, die wegen ihrer grofsen Entfernung für 
den betreffenden Beobachter unter dem Horizonte liegen oder durch Gebirgs- 
züge verdeckt werden, so dafs der Donner nicht mehr gehört, dagegen der 
Blitz, wie leicht begreiflich, noch gesehen werden kann. Aber es giebt auch 
wohl konstatirte Fälle, wo man aus einzelnen hoch am Himmel stehenden Cu- 
muli, besonders gegen Abend, zahlreiche Blitze ohne jegliches wahrnehmbares 
Geräusch hervorbrechen sah. So beobachtete Dr. Klein vereinzelte kleine 
Cumuli, von welchen als Mittelpunkten Lichtblitze ausgingen, und Heis sah 
L861 während 5 Minuten aus einer isolirten, etwa 50° über dem Horizonte be- 
fndlichen Wolke Wetterleuchten hervorbrechen. Ganz dieselbe Erscheinung 
habe ich selbst vielfach beobachtet, und in einem besonderen Falle waren die 
blitzenden Wolken so nahe im Zenith, dafs man ein irgendwie erhebliches Ge- 
räusch hätte hören müssen, umsomehr als die Erscheinung um Mitternacht statt- 
fand, und wenigstens 10—12 zum Theil sehr kräftige Blitze in kurzer Zeit 
sichtbar waren. Dabei waren die blitzenden Wolken nicht isolirte Cumuli, 
sondern der ganze, Himmel war mit ziemlich schnell von W nach E ziehenden 
Wolken bedeckt. 
Diese Fälle zeigen, dafs Wetterleuchten und das Blitzen bei Gewittern 
nicht ganz identische Erscheinungen sind. Das Wetterleuchten aus einzelnen 
am Himmel stehenden Cumuli mufs nach den vorangehenden Betrachtungen auf 
aine starke Tempevraturerniedrigung zurückgeführt werden. Die Wolke kühlt 
sich bei und nach Sonnenuntergang sowie dadurch, dafs sie in eine kältere 
Luftschicht gelangt, bedeutend ab. Diese Abkühlung bedingt die Bildung von 
Wasserkügelchen, welche durch eine mehr oder weniger lebhafte Bewegung im 
’) Ich verweise hier auf die oben angeführten Beobachtungen von Prof, Lemström, Sabine 
und Kapt, Ross. WUebrigens sollen obige Sätze nur eine Andeutung sein, auf welchem Wege etwa 
eine Erklärung der Polarlichterscheinung zu suchen sein könnte, Dafs das Vorhandensein fester 
Körperchen in der Luft die Leitung der Elektricität sehr erleichtert, hat Nahrwold („Zeitschrift 
für Meteorologie“, 1879, pag. 72) nachgewiesen und gefunden, dafs der Staub in der Luft durch 
Reibung elektrisch wird, und dafs die Luft eine positive Ladung viel leichter annimmt, als eine 
negative. 
E Auch der merkwürdige Zusammenhang zwischen der Zahl der Sonnenhöfe (Halo) und jener 
der Polarlichter, den Herr Tromholt in Norwegen hervorhebt, deutet auf die KEiskrystalle als 
Träger dieser letzteren Erscheinung hin, Prof. Winnecke hält nach seinen Beobachtungen in 
Pulkowa ebenfalls diesen Zusammenhang zwischen Eisnadeln und Nordlichtern für unzweifelhaft, 
Wenn einzelne Beobachter nicht immer Nordlichter und Polarbanden gleichzeitig oder unmittelbar 
nach einander auftreten sahen, so ist dieser Umstand immerhin dadurch erklärlich, dafs die obere 
Atmosphäre wohl ziemlich dicht mit Eisnadeln beladen sein kann, ohne dafs sie von der Erdober- 
Aäche aus sichtbar sind; denn Tissandier fand bei seinen Luftfahrten die höheren Luftschichten 
immer mit denselben angefüllt, selbst wenn von unten gesehen die Luft vollkommen durchsichtig schien. 
Vebrigens schliefßst Herr Tromholt aus seinen Beobachtungen, dafs das Nordlicht hänfig 
eine ganz lokale Erscheinung ist und fast ausnahmslos an jedem Abende der kalten Jahreszeit an 
irgend einem Orte und oft in ganz geringen Höhen über dem Erdboden auftritt. 
2) Tissandier hat bei seinen zahlreichen Luftfahrten beobachtet, dafs bei einer starken 
Steigerung der Temperatur in einer tieferen Schicht die elektrische Spannung plötzlich stieg. Bei 
siner anderen Fahrt sprangen in einer Höhe von 1350 m beim Annähern des Fingers an die kupferne 
Kugel, die das Ende eines 200 m langen, in eine Wolke tauchenden Kupferdrahtes bildete, lebhafte 
Funken über mit starkem Geräusch und heftiger Erschütterung des Vorderarms, Diese Erscheinung 
dauerte so lange (1/2 Stunde), als der Ballon sich in dieser Wolkenschicht von 390 m Dicke befand, 
Während die Wolkenschicht eine Temperatur von —2° C. besafs, befand sich über ihr eine sehr 
warme Luftströmung von +17,5° C. (am 16. Februar 1873), Das Seilwerk des Ballons und der 
Kupferdraht bedeckten sich fast plötzlich mit Rauhfrost.
	        
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