Ueber Gewitter- und Hagelbildung.
scheinung ist die folgende von Kapt. Ross beobachtete. Derselbe sah nämlich
einst am oberen Rande eines Eisberges eine Reihe heller vertikaler Strahlen,
deren Fufs genau diesem Rande mit seinen Unregelmäfsigkeiten und Krüm-
mungen folgte. Er erklärte diese Erscheinung durch das Anprallen der Wellen
gegen den Berg, womit eine Zerstäubung der Wassermassen und die Bildung
eines nebelartigen Dunstes verknüpft war, der, in die Höhe getrieben und kon-
densirt, zu der erwähnten Elektricitätsentwickelung Veranlassung gab. Aehn-
liche Beobachtungen hat Prof. Lemström im Norden gemacht. Er bemerkte
über dem Kamme eines Berges, über den der Wind leichte Nebel jagte, ein
bleichgelbes, diffuses Licht, das weiter in der Höhe in senkrechte orangefarbene
Strahlen überging. Mit dem abwechseluden Auftreten und Verschwinden des
Nebels erschien und verschwand auch das bleiche Licht. Am andern Tage
untersuchte er den Kamm des Berges aufmerksam und fand ihn fast ganz mit
Schnee bedeckt, ausgenommen eine oder zwei Stellen, welche diejenigen zu sein
schienen, wo in der Yorhergehenden Nacht das Leuchten am schwächsten war.
Genau dieselbe Beobachtung machte Sabine, als er in der Nähe der Insel
Skye vor Anker lag. Er bemerkte über einem der höheren Hügel dieser Insel
eine Wolkendecke, die Nachts permanent leuchtete und gelegentlich Strahlen
(flashes), ähnlich denjenigen des Nordlichts aussandte. In den eben ecitirten
Fällen hat man dieses Leuchten mit dem Polarlicht in Verbindung bringen
wollen; ich halte aber dafür, dafs man es wohl von dem eigentlichen in der
Höhe erscheinenden Polarlicht trennen mufs (das vielleicht auch in diesen Fällen
vorhanden war), und dafs es eher an das sogenannte St. Elmsfeuer erinnert.
Der Grund der Elektriecitätsentwickelung war die Schneebildung und die
Reibung. Man mufs übrigens wohl unterscheiden zwischen der gewöhnlichen
Luftelektrieität und der ihr durch Regen-, Schnee- oder Hagelfall mitgetheilten
resp. durch Influenzwirkung hervorgerufenen Elektricität, die nur örtlich und
zeitlich den normalen Zustand der atmosphärischen Elektricität modificirt. Es
wäre daher unrichtig, wenn man die gewöhnliche Luftelektricität als die Quelle
betrachten wollte, die durch ihre vertheilende Wirkung jene bei Regen-, Schnee-
fall etc. auftretenden elektrischen Erscheinungen erzeugte. Die Ursache der
Luftelektricität mufs also noch gesucht werden. Vielleicht dürften die folgenden
Betrachtungen einen kleinen Anhalt zur Lösung dieses Problems bieten.
Wenn man bedenkt, dafs die Luft kontinuirlich mit Staubtheilchen, Wasser-
bläschen, Eisnadeln erfüllt ist, so bildet schon die Reibung der Luft an diesen
festen Theilchen eine gewisse Elektrieitätsquelle. Diese mufs um so reichlicher
Biefsen, Je lebhafter die Bewegung, je größer die Zahl der festen Partikel (Eis-
nadeln, die in der Höhe immer vorhanden sind), überhaupt je größer die Unter-
schiede der einzelnen Luftströäme in Bezug auf Temperatur, Feuchtigkeit etc.
sind. Deshalb dürfte gerade in den höheren Schichten der Luft, wo fast
kontinuirlich, und besonders im Winter, eine sehr grofse orkanartige Ge-
schwindigkeit (dieselbe beträgt schon über England im Winter über 50 m
per Sec.) herrscht, also diese Bedingungen am vollständigsten vorhanden sind,
die Entwickelung von Elektricität am lebhaftesten von statten gehen. So war
nach Everett die Luft am Boden am stärksten positiv elektrisch bei Frost-
wetter und einem trockenen mit Eispartikeln beladenen Winde, In grofsen
Höhen ist nun die Luft immer sehr trocken, sehr kalt und mit Eisnadeln erfüllt,
Berücksichtigt man nun noch ihre aufserordentliche Geschwindigkeit und die
daraus folgende heftige Reibung sowohl der Lufttheilchen unter sich als mit den
Eisnadeln, so scheint mir in diesen Faktoren eine sehr reichlich fliefsende
Elektricitätsquelle gegeben zu sein. Dementsprechend sehen wir denn auch,
da(ls die elektrische Spannung der Luft mit der Höhe und mit der kälteren
Jahreszeit wächst, so dafs das Maximum der elektrischen Spannung gegen
Ende des Winters, Februar, das Minimum Anfang September eintritt; denn mit
der Höhe und mit der kälteren Jahreszeit nimmt die Geschwindigkeit, die Kälte,
die Menge der Eisnadeln, also auch die Reibung in hohem Mafse zu. Ferner
dürfte hier auf den Zusammenhang des Polarlichtes mit den feinsten Cirrus-
wölkchen hinzuweisen sein. Bekanntlich treten mit den Polarlichtern in der
Regel auch die sogenannten Polarstreifen (aus Eisnadeln bestehend) auf, und
weiter ist bekannt, dafs sehr häufig ein dichter Wolkenschleier den während
der Entwickelung eines intensiven Nordlichtes vollkommen heiteren Himmel
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