Nordamerikanische Polar-Expedition 1881—1884.
511
der dritten, in diesem Jahre entsendeten Hülfsexpedition gelang, die wenigen
Ueberlebenden zu finden und zu retten, Diese Expedition bestand aus. den
amerikanischen Dampfern „Bear“ und „Thetis“, denen das von England zur
Verfügung gestellte Polarschiff „Alert“, sowie ein Kohlentender „Loch Garry“
folgte. Die beiden erstgenannten Schiffe gelangten am 22. Juni zur Brevoort-
Insel und fanden dort in einem errichteten Steinhaufen einen vom Oktober 1883
datirten Bericht mit der Angabe, dafs die Greely’sche Expedition bei Kap
Sabine ihr Lager aufgeschlagen hätte. Dem nun entsendeten Dampfboot gelang
es, nach grofsen Anstrengungen das Lager zu erreichen. Man traf von den
25 Mitgliedern der Expedition nur noch den Lieut. Greely mit 6 Gefährten
am Leben, alle bis zum Aeufsersten entkräftet und -dem Hungertode nahe. Mit
Ausnahme eines Mannes, des Korporal Ellison, der infolge der Amputation
seiner erfrorenen Beine auf der Heimreise starb, glückte es bei sorgsamer
Pflege, die übrigen 6 Geretteten wohlbehalten in die Heimath zurückzubringen,
Die geographischen Untersuchungen der Expedition erstreckten sich vom
Fort Conger über ein Gebiet von 3° Breite nach Norden sowie 40 Längengraden
nach Osten und Westen. Der leider nicht zu den Ueberlebenden gehörende
Lieutenant Lockwood gelangte bis zu dem nördlichsten bis jetzt erreichten
Breitegrad, nämlich 83° 24‘, also einige Minuten nördlicher, als es der Nares-
schen Expedition gelungen war (83° 20‘ 26“); gleichzeitig drang er 7° östlicher
vor, als Lieutenant Beaumont im Jahre 1875. Auf dieser Fahrt nach Norden
konnte er von dem Gipfel eines 600—700m hohen Berges im Norden und
Nordwesten von Grönland kein weiteres Land entdecken, erblickte aber fern
im Nordosten ein Vorgebirge, welches er Robert Lincoln nannte. Hiernach
scheinen nördlich der amerikanischen Küste keine weiteren Ländermassen mehr
vorhanden zu sein, während sich nach Nordosten hin von Grönland wahr-
scheinlich ein Inselkranz noch weit ins Polarıneer hinein, vielleicht bis zur
Westküste von Franz Josephs Land erstreckt. Zusammen mit Brainerd ver-
folgte Lieutenant Lockwood ferner die Lady Franklin-Bucht in ihrer Fort-
setzung, dem Archer-Fjord, und stieß ca 90 Sm von der Beatrix-Bai (Ende des
Archer-Fjord) auf einen neuen, vom Westmeere eindringenden Fjord, den er
Greely-Fjord taufte; von dem Mittelpunkte desselben, in 80'%° N-Br und
78° 50‘ W-Lg, schien sich die nördliche Küste noch 20, die südliche 50 Sm
nach Westen zu erstrecken. Lockwood machte aus, dafs Grinnell Land eine
Insel sei, welche durch die erwähnten Gewässer von dem südlich gelegenen
Lande getrennt wird; zu Ehren des Präsidenten der Vereinigten Staaten wurde
diesem südlichen Lande die Bezeichnung Arthur Land beigelegt.
Weitere interessante Aufschlüsse über Grinnell Land liefert der Ausflug
des Lieutenant Greely selbst in das Innere desselben. Er fand, dafs, während
die Nord- und Südküste von einer 50m dicken Eisschicht bedeckt und von
verschiedenen mächtigen Gletschern besetzt ist, sich im Innern ein Gürtel ver-
hältnifsmäfsig offenen und eisfreien Landes, sowie ein ca 100km langer und
16 km breiter See befindet, welchem letzteren er den Namen Hazen See beilegte.
Von dem südlichen Zufluchtsort bei Kap Sabine entdeckte Long im
März dieses Jahres vom Berge Carey aus an der Nordküste von Hayes-Sund
drei Vorgebirge, welche noch westlicher lagen, als die von Nares 1876 ge-
sichteten. Der letztgenannte Sund dehnt sich hiernach 20 Sn weiter nach
Westen aus, als er auf der Nares’schen Karte verzeichnet ist, möglicherweise
wird er aber durch das im Westen erblickte Land abgeschlossen.
Diese wenigen Notizen, so kurz und fragmentarisch sie sind, lassen doch
den Werth und die Bedeutung, welchen die Expedition für die wissenschaftliche
Erforschung des Polargebietes gehabt hat, erkennen und uns mit Spannung der
Veröffentlichung von ausführlicheren Berichten entgegensehen.‘)
1) Ausführlichere Beschreibungen sind während des Druckes erschienen in Petermann’s
„Mittheilungen“, Heft IX, Ausland No. 35 u. 36.