Ann. d. Hydr. ete., XIl. Jahrg. (1884), Heft 1X.
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Die indirekten oder genäherten Auflösungen für das Zweihöhen-
problem.
Von Prof. Dr. 6: D:; E; Weyer in Kiel,
1. Uebersicht der hauptsächlichsten Näherungsmethoden: von
Douwes 1754, Borda 1771, Lalande 1793 und Sumnuner 1837.
Wenn auch die direkten oder strengen Auflösungen des obigen Problems
immer ein so genaues Resultat liefern müssen, wie es die trigonometrische
Verbindung der gegebenen Gröfsen gestattet, so hat doch meistens der Um-
stand, dafs man die gesuchte Breite in allen praktischen Fällen schon ungefähr
kennt, zu verschiedenen andern Auflösungsformen geführt, die man als Näherungs-
methoden bezeichnet, wobei gewöhnlich ein genäherter Werth der Breite benutzt
wird, der durch die Rechnung verbessert werden soll. Die damit erlangten
Abkürzungen der Rechnung wurden denn auch die begründete Veranlassung,
dafs man in der Praxis im allgemeinen den Näherungsmethoden den Vorzug
gab, ja die Aufgabe selbst erst dann in den gewöhnlichen Seegebrauch einge-
führt wurde, nachdem Cornelis Douwes (1754) zuerst eine gute Näherungs-
methode dafür vorgeschlagen hatte. Durch eine zweckmäfsige Darstellung der
Abhängigkeit der Breite von den beobachteten Höhen und der Zwischenzeit,
zeigte er, dafs der Unterschied der Sinus der Höhen zu der Sehne des Bogens,
welcher die verflossene Zeit angiebt, in einem einfachen Verhältnifs steht,
welches schon den Sinus des mittleren Stundenwinkels ausdrückt, wenn es
vorher mit der Sekante der Deklination und der Breite multiplieirt wird. Hier-
nach brauchte man nur einen Näherungswerth für die Sekante der Breite ein-
zuführen, um schon den mittleren und folglich die einzelnen Stundenwinkel zu
erhalten. Das genügte, um nun auch die Breite selbst, mittelst Stundenwinkel, Höhe
und Deklination genauer zu finden, und zwar in abgekürzter Form mit Benutzung
desselben Näherungswerthes, sei es, dafs die eine Höhe dem Meridian so nahe
war, wo ein kleiner Fehler im Stundenwinkel oder in der geschätzten Breite
nur noch geringen KEinflufs auf die wahre Breite hatte, oder dafs die Zeit-
bestimmung z. B. durch beinahe gleiche Höhen auf verschiedenen Seiten des
Meridians schon recht genau in obiger Weise gelang, ungeachtet des Fehlers
der geschätzten Breite. Jedenfalls liefs eine Wiederholung der Rechnung mit
dem gefundenen Werthe der Breite die weitere Verbesserung des Resultats er-
warten. Aus den kurzen Formeln für diese Methode ergab sich eine feste Regel
als Rechnungsschema, wie es für den täglichen Gebrauch erwünscht sein mufste,
and es war dem Urheber dieses genialen Verfahrens zu verdanken, dafs nun-
mehr auch in Ermangelung der Mittagshöhe die Breite doch sicher und geläufig
gefunden werden konnte. Damit war aber erreicht, was die früheren Vorschläge
der strengen Auflösung nicht zu erzielen vermochten: die Einführung der Auf-
gabe in den praktischen Gebrauch bei den Seefahrern aller Nationen.
Nur bei den mafsgebenden französischen Navigateuren verhielt man sich
zögernd, gerade dieses besondere holländische Verfahren zu bevorzugen, welches
neben gewissen Vortheilen doch auch seine Nachtheile hatte, wozu man freilich
die speciellen, obgleich gar nicht unentbehrlichen Hülfstafeln von Douwes als
einen lästigen Zuwachs von besonderen Tafeln zählen durfte. Ebenfalls die
Anwendung der natürlichen Zahlen für die Sinus, statt ihrer Logarithmen, mufste
unbequem sein, weil sie nicht in den französischen Tafeln zur Hand waren.
Ueberhaupt aber, wenn man eine genäherte Breite in der Rechnung zulassen
and überdies annehmen wollte, dafs eine der Höhen nahe am Meridian beobachtet
sei, so liefs sich ja das ganze Verfahren viel kunstloser gestalten, denn man
brauchte von den beiden verschiedenen Höhen nur diejenige, welche entfernt