Gemeinsamer Ausgangs-Meridian und Universalzeit.
459
also um 45 Procent seiner Dauer, kleiner. sein, als der Vormittag. Bei den
sämmtlichen östlich gelegenen Orten würden allerdings zur Zeit des entgegen-
gesetzten Maximums der periodischen Abweichungen der jetzt geltenden mitileren
Örtszeiten von den wahren Tageszeiten, nämlich im Januar und Februar, diese
Abweichungen gerade durch die hinzukömmende Abweichung der Normalzeit
von der mittleren Ortszeit vermindert werden. Die umgekehrte Reihenfolge
von starken Vergröfserungen oder Verkleinerungen der jetzt eingebürgerten
Unterschiede der Vormittags- und Nachmittags-Dauer in wenigen aufeinander
folgenden Monaten würde natürlich in den entsprechenden Jahreszeiten bei den
westlich von Berlin gelegenen Orten eintreten. Nur im Jahresdurchschnitt
würde bei allen östlich von Berlin gelegenen Orten der Nachmittag um den
doppelten Betrag des Unterschiedes von Ortszeit und Normalzeit kürzer, bei
den ebensoviel westlich von Berlin gelegenen Orten um den entsprechenden
Doppelbetrag länger sein, als der Vormittag.
Die Einführung einer nationalen Zeit vermag auch keineswegs den jetzigen
Uebelständen abzuhelfen, unter denen die internationalen Beziehungen des Welt-
verkehrs zu leiden und über welche die Eisenbahn- und Telegraphen-Verwal-
tungen sich zu beklagen haben; im Gegentheil, obwohl durch dieses System
die Zahl der verschiedenen Zeiten, mit denen sie zu rechnen haben, vermindert
würde, so wird doch andererseits auf diese Weise die Verschiedenheit der an
den Grenzen der benachbarten Länder zusammentreffenden Zeiten noch mehr
gesteigert,
Ganz gleich würde es sich mit einigen in letzter Zeit vorgeschlagenen
Auskunftsmitteln verhalten, wonach die Ortszeiten durch eine gewisse Anzahl
von Normalstunden ersetzt würden. So hat z.B. das Institut von Canada vor-
geschlagen, die Erdkugel in 24 Stunden-Zonen einzutheilen, welche durch die
vom Ausgangs-Meridian ausgehenden 24 Hauptmeridiane begrenzt würden. Der
Astronom Gylden hat, weil er mit Recht diese Stunden-Intervalle als zu lang
erachtete, dieselben durch Intervalle von 10 Minuten ersetzt, indem er die Erde
in 144 Normal-Zeit-Zonen eintheilte.
, Die Wissenschaft würde durch Einführung der Regional- und Normal-
Zeiten in ihren Interessen eher geschädigt als gefördert werden; denn sämmtliche
Präcisions-Messungen, bei denen die Zeit in Betracht kommt, beruhen in erster
Linie auf der Ortszeit,
. Bei der Wahl des Ausgangs-Punktes für die Universalzeit, eine Frage, welche
zugleich die Grenzen für den Uebergang des Datums umfaflst, mufs eine möglichst
grofse Einheit und Einfachheit erreicht werden, ohne den arbeitenden und sef[s-
haften Bevölkerungsklassen allzu bedeutende Veränderungen in ihren Gewohnheiten
aufzuerlegen. Man darf nicht vergessen, dafs zwischen dem bürgerlichen Tage,
welcher um Mitternacht beginnt, und dem am folgenden Mittage beginnenden
astronomischen Tage ein in vieler Beziehung störender Unterschied besteht,
besonders weil letzterer nicht zur von den Astronomen, sondern auch von den
Seefahrern gebraucht wird. Die Beseitigung dieses Unterschiedes zwischen der
bürgerlichen und astronomischen Zeit würde von grofsem Nutzen, indefs äufserst
schwierig sein. Nichts ist dagegen leichter, als die astronomische Zeit und
Stunde mit der internationalen Zeit und Stunde in Einklang zu bringen, indem
man den im Jahre 1879 in Amerika von M. Sandford Fleming im Institut
von Canada und von M. Cleveland Abbe in der Amerikanischen meteoro-
logischen Gesellschaft gemachten Vorschlag annimmt. Derselbe besteht darin,
die Universalzeit nach demjenigen Meridian zu richten, welcher 180° von dem
Greenwicher Meridian entfernt ist, d. h. die kosmopolitische Zeitrechnung von
der Mitternachtsstunde dieses Meridians, oder — was auf das Gleiche heraus-
kommt — von dem Moment des mittleren Mittags von Greenwich anfangen
zu lassen,
Auf diese Weise kann man die universelle Zeit mit der astronomischen
in Uebereinstimmung - bringen, ohne an den astronomischen und nautischen
Ephemeriden etwas ändern oder ohne auch nur die mittlere Mittags- in die
mittlere Mitternachtszeit umwandeln ‚zu müssen. Nach dem vorgeschlagenen
System und der historischen Entwickelung entsprechend, bleibt ferner die Grenze
des Datumswechsels im äufsersten Orient, an der NO-Grenze Asiens das kaum
bewohnte Land der Tschuktschen und einige Inselgruppen, wie die Alkuten und