Gemeinsamer Ausgangs-Meridian und Universalzeit,
dieses Meridians von der Astronomie, Geodäsie, Meteorologie und Erdkunde
überall da angewendet werden, wo es sich darum handelt, die gewöhnlich nach
der Ortszeit gemachten Beobachtungen in einer einzigen allgemeinen Zeit aus-
zudrücken.
Die Frage wird indessen verwickelter und komplicirter und gewinnt zu-
gleich an Wichtigkeit durch den Umstand, dafs alle die modernen Institutionen,
welche dem internationalen Verkehr dienen, wie die Eisenbahnen, die Dampf-
achiffslinien, die Telegraphen und Posten, jetzt nun auch nach einer einzigen
aniversellen und kosmopolitischen Zeit verlangen, nachdem sie versucht haben,
die Verschiedenheit der Ortezeiten im Innern der verschiedenen Länder zu be-
seitigen. Bei der steten Zunahme der Ausdehnung und Schnelligkeit von den
grofsen öffentlichen Verkehrsanstalten beginnt im internen Dienst die Ver-
schiedenheit der Stunden mehr und mehr die Ursache zahlreicher Konflikte,
unnützer Ausgaben und zuweilen wirklicher Gefahren zu werden. Auch für
die Geschäftswelt und den modernen Handel ist der Mangel einer universellen
Zeit zu einer Quelle von Verlegenheiten geworden, seitdem Telegraphen und
Eisenbahnen Länder und Welttheile mit einander in Beziehung gebracht, welche
nach gänzlich verschiedenen Zeiten rechnen. Zu diesem Uebelstand kommt noch
das Wechseln des Datums beim Uebergang von der West- auf die Osthemisphäre.
Eine Abhülfe hierin, während gleichzeitig den Bedürfnissen der Wissenschaft
genügt wird, ist nur durch ein Mittel zu schaffen, nämlich durch Einführung
einer einheitlichen, universellen, durch den Ausgangs-Meridian bestimmten Zeit
neben der Ortszeit. Letztere soll für das bürgerliche Leben nicht unterdrückt
werden; dieses mul nothwendigerweise sich nach dem scheinbaren Lauf der
Sonne richten.
In mehreren Ländern hat man versucht, die lokale Zeit durch eine
nationale zu ersetzen; indessen ist dies nur in denjenigen Ländern gelungen,
deren Ausdehnung in der Richtung von Ost nach West gering genug ist, um
eine Differenz von höchstens 20 bis 25 Minuten zwischen den Örtszeiten an den
westlichen und östlichen Grenzen und der nationalen Zeit herbeizuführen, wie
z.B. in der Schweiz, in Belgien, Holland, Italien, England und auch otwa noch
in Frankreich. Indessen schon in Deutschland — und in noch weit höherem
Grade in Oesterreich, Russland und in den Vereinigten Staaten, welche sich
über mehrere Stunden von Ost nach Westen ausdehnen — würde man durch
eine nationale Zeit den Mittag für die Bewohner der östlichen und westlichen
Provinzen allzu sehr verrücken und die beiden Tageshälften allzu ungleich
machen; besonders wenn man bedenkt, dafs die Veränderlichkeit der Zeit-
gleichung während der verschiedenen Jahreszeiten ohnedies schon eine wirkliche
Ungleichheit mit sich bringt, welche noch in lästiger Weise durch Einführung
der nationalen Zeit vermehrt würde.
Wie sich für Deutschland die Verhältnisse bei Einführung einer Normalzeit
gestalten würden, hat Professor Förster in seinem Vortrage „Zur Beurtheilung
einiger „„Zeitfragen““, insbesondere gegen die Einführung einer deutschen
Normalzeit“, gehalten zu Hamburg im Verein für Kunst und Wissenschaft am
7, Februar 1881 („Deutsche Revue“, VI, 3. 1881,.und Separatabdruck. Berlin,
Otto Janke), näher ausgeführt. Die äufsersten Zeitunterschiede betragen von
Berlin aus nach Osten etwa 37 Minuten, nach Westen etwa 30 Minuten. Für
einen 20 Minuten östlich von Berlin auf dem Berliner Parallel gelegenen Ort
würde nun z. B. am 9. November durch das Zusammenwirken des Zeitunter-
schiedes zwischen bürgerlicher Zeit und mittlerer Ortszeit mit den Zeitgleichungen
der Vormittag auf 5 Stunden 8 Minuten vergrößert, der Nachmittag zu 3 Stunden
55 Minuten verkleinert, also der erstere gegen den letzteren um 1 Stunde
13 Minuten, d. h. beinahe um den dritten Theil desselben vergröfsert sein,
Bei einem östlichen Längenunterschied von 30 Minuten würde unter den sonst
gleichen Verhältnissen der Ueberschufs der Dauer des Vormittags über diejenige
des Nachmittags sogar auf 1 Stunde 33 Minuten, d. h. auf nahe 40 Procent
des bis zu 3 Stunden 45 Minuten zusammengeschrumpften Nachmittags ver-
gröfsert sein. Noch erheblicher im Verhältnifs zu den Längen der Vormittage
und Nachmitiage würden diese Beträge sein, wenn der Ort zugleich sehr nörd-
lich gelegen wäre. Für Memel z, B. würde am 9. November nach Normalzeit
der auf 3 Stunden 33 Minuten verminderte Nachmittag um 1 Stunde 36 Minuten,
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