Gemeinsamer Ausgangs-Meridian und Universalzeit,
457
vergewissern, sei es besser, von allen denjenigen Punkten abzusehen, welche
bisher von den gröfseren Ländern benutzt wurden; um die Eigenliebe keines
derselben zu verletzen, sei es angezeigt, einen sogen. „neutralen Meridian“ zu
wählen. Man wäre alsdann gezwungen, auf jener Insel auf gemeinschaftliche
Kosten ein Observatorium zu errichten und dasselbe, wie oben angegeben, mit
anderen Observatorien zu verbinden. -— Ferner meint man, sei es im Interesse
der Geographie unzulässig, dafs der Ausgangs-Meridian Kontinente durchschneide
und somit Länder in zwei Hälften theile, in denen man dem Uebelstand der
östlichen und westlichen, positven und negativen Längen als einer Quelle steter
Irrungen ausgesetzt sein würde. Indefs würde der Uebelstand der Theilung
eines Landes in östliche und westliche Längen sofort verschwinden, wenn die
Längen lediglich in der östlichen Richtung von 0° bis 360° gerechnet würden,
Und wollte man selbst, wie nach dem alten System, die Längen nach Westen
und Osten herum bis 180° annehmen, so wären die möglicherweise daraus ent-
stehenden Mifsstände und Irrthümer bei einem oceanischen Ausgangs-Meridiau
für die Berechnung der Längen auf dem Meere weit mehr zu fürchten, als bei
einem kontinentalen Ausgangs-Meridian. Auch noch andere ziemlich bedeutende
Uebelstände würden sich herausstellen, welche bei der Frage über den Datum-
wechsel zur Sprache kommen sollen.
Nach dem bisher Gesagten und unter den gegebenen Verhältnissen wird
demnach die Wahl nur noch zwischen den vier grofsen Sternwarten möglich
sein, welche die hauptsächlichsten nautischen Jahrbücher und astronomischen
Ephemeriden veröffentlichen, nämlich: Greenwich, Paris, Berlin und Washington,
Von diesen ist schon jetzt der weitverbreitetste Meridian der von Greenwich,
welcher auch den angeführten Bedingungen, vom geographischen, nautischen,
astronomischen und kartographischen Gesichtspunkte aus genommen, am meisten
entspricht. Eine grofse Zahl von Ländern, welche eine bedeutende Handels-
marine besitzen, wie die Vereinigten Staaten, Deutschland, Oesterreich, Italien,
benutzen schon jetzt aufser England den Meridian von Greenwich für ihre
Schiffahrt. Was die Anwendung in der Astronomie betrifft, so sind die nach
dem Meridian von Greenwich berechneten Ephemeriden, das englische und
amerikanische „Nautical Almanac“, die auf den Sternwarten am meisten ver-
breiteten. Was endlich die Kartographie anbelangt, so läfst sich nachweisen,
dafs die nach dem Meridian von Greenwich gezeichneten topographischen und
besonders die hydrographischen Aufnahmen eine gröfsere Erdfläche umspannen,
als diejenigen Karten, auf denen die Längen nach irgend einem anderen Meridian
gezählt sind.
Ein Argument, welches Geographen und Kartographen mitunter gegen
den Meridian von Greenwich als Anfangs-Meridian der Längenzählung einwenden,
dafs nämlich dieser Meridian keine geeignete kartographische Hemisphären-
theilung darbiete, ist — wie Professor W. Förster, Direktor der Berliner
Sternwarte, in der „Denkschrift betreffend die Bedeutung, welche, unter Bei-
behaltung der Ortszeiten für das bürgerliche Leben, die Einführung eines
universalen Systems von Zeitangaben und von geographischen Längenangaben
für den inneren Dienst der deutschen Verkehrs-Anstalten und für die Wissen-
schaft hat“ (Berlin, den 21. Januar 1884) dem entgegenhält — insofern ganz
hinfällig, als es von Niemandem vernünftiger Weise verlangt werden wird, dafs
mit der allgemeinen Annahme des Meridians von Greenwich nun auch auf den
Hemisphären-Karten, die sich bis jetzt an Ferro angeschlossen hatten, alle
westlich von Greenwich liegenden Theile Europa’s und Afrika’s zu der amerika-
nischen Hemisphäre geschlagen werden sollen. Die ausschliefsliche Geltung
eines gemeinsamen ersten Meridians wird sich niemals auf andere, als mit
Messung und Rechnung in Verbindung stehende Angaben, bei welchen dadurch
sehr bedeutende materielle und ideelle Vortheile erreicht werden, zu erstrecken
brauchen,
Einführung einer Weltzeit.
Diese Frage hängt unverkennbar und unmittelbar mit der Längen-Frage
zusammen; vom Standpunkte der Wissenschaft aus enthält die Lösung der einen
auch die der anderen. Denn sobald sämmtliche Ephemeriden und Jahrbücher
nach einem und demselben Meridian berechnet sind, wird natürlich die Zeit