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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 12 (1884)

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Die harmonische Analyse der Gezeitenbeobachtungen, 
Wenn auch darüber kein Zweifel sein kann, dafs die Wellentheorie nicht 
ohne weiteres in ihrer ganzen Ausdehnung auf große Oceane angewendet werden 
darf, so ist es andererseits ebenfalls nicht zweifelhaft, dafs die allgemeinen 
Resultate derselben (wie die Wirkung der Reibung u. a.) auch auf diese aus- 
gedehnt werden dürfen und dafs die Tiden,') welche wir in den Flüssen beob- 
achteten, fast vollständig durch die Wellentheorie erklärt werden. Ihre Grund- 
voraussetzung, dafs das Wasser, auf welches Mond und Sonne ihre Anziehung 
ausüben, in einem Kanale enthalten ist, ist wohl kaum falscher, als die Grund- 
voraussetzung der Gleichgewichts- (wie auch der Laplace’schen) Theorie, dafs 
die ganze Erde mit einer Wasserschicht von gleichmäfsiger oder sich gesetz- 
mälsig ändernder Tiefe bedeckt sei, und dafs das Princip der letzteren, dafs 
sich das Wasser in jedem Augenblicke im Zustande des Gleichgewichts d. h. der 
Ruhe befinde, ein durchaus falsches ist, braucht nicht erst hervorgehoben zu 
werden, da der blofse Anblick einer den Gezeiten unterworfenen Wassermasse 
zeigt, dafs das Problem der Gezeiten ein Problem der Bewegung, also ein 
hydrodynamisches und nicht ein hydrostatisches ist. Wenn man trotzdem immer 
wieder die Gleichgewichtstheorie zur Grundlage der Untersuchungen macht, so 
liegt dies einfach darin, dafs diese Theorie auf äufserst einfachem Wege auf 
die Grundgleichungen der Gezeitentheorie führt. Man geht dann auf die in der 
Natur vorkommenden Erscheinungen über, indem man sagt, die Erfahrung habe 
gelehrt, dafs in der Natur die Gezeitenerscheinung sich zwar nach den von der 
Gleichgewichtstheorie gelieferten Gesetzen vollziehe, dafs aber ihre Höhe für 
jeden Ort eine andere sei, ‚und dafs ihre Phase sich gegen die theoretisch er- 
mittelte verschiebe, dafs also für jeden Ort ein Erfahrungs-Koeffcient und eine 
Winkelgröße bestimmt werden müsse, mit welchem die theoretische Fluthhöhe zu 
multipliciren sei und um welche die theoretische Phase geändert werden müsse. 
Der Ursprung und der mathematische Ausdruck für diese Gröfsen, wo- 
durch dieselben in Abhängigkeit von den an dem betreffenden Orte stattfindenden 
Verhältnissen gebracht werden, bleiben völlig unbestimmt; es sind eben einfache 
Erfahrungsgröfsen. Die Wellentheorie dagegen giebt (bis zu einem gewissen 
Grade) darüber Rechenschaft, aus welchen Ursachen dieselben stammen und wie 
sie von lokalen Verhältnissen abhängen, und es ist eine interessante Aufgabe, 
zu vergleichen, ob Erfahrung und Theorie sich gegenseitig bestätigen oder nicht. 
Aus diesen Gründen erschien es wünschenswerth, von vornherein von der 
Airy’schen Wellentheorie auszugehen und die ganze Entwickelung auf dieser 
aufzubauen, umsomehr als man bei allen Anwendungen auf Fälle der Natur 
genöthigt ist, auf dieselbe zurückzukommen, wie man ja auch von einer Fluth- 
welle als von etwas ganz Selbstverständlichem spricht, obwohl dies ganz un- 
Jogisch ist, sobald man die Gleichgewichtstheorie zu Grunde legt. 
Was die mathematische Behandlung anlangt, so schliefst sich dieselbe an 
die Entwickelungen in Airy’s Werk an, nur haben wir uns auf den Fall eines 
Kanals von der Gestalt eines gröfsten Kreises beschränkt, und es sind in der 
Bezeichnung solche Aenderungen vorgenommen worden, dafs dieselbe mit der 
in Darwin’s Abhandlung übereinstimmt, weil ein enger Anschlufs an diese im 
Interesse unmittelbarer Vergleichbarkeit der beiderseitigen Resultate geboten 
erscheint. Bei den Entwickelungen ist ein Weg eingeschlagen worden, der sich 
von dem von Darwin befolgten im wesentlichen nur dadurch unterscheidet, 
daß wir durchweg anstatt rechtwinkliger Koordinaten sphärische Dreiecke 
benutzen, weil dies im allgemeinen eine einfachere und Vielen geläufigere An- 
schauung gewährt; auch sind die Zwischenglieder nur soweit unterdrückt, als 
e8 zulässig erschien, ohne undeutlich zu werden. 
Die Hauptsache bei der nachfolgenden, wie bei der Arbeit von Darwin 
bildet die Anweisung zur praktischen Ausführung der harmonischen Analyse, 
Dieselbe ist natürlich in beiden ganz gleich, doch hat sich der Verfasser 
bemüht, auch hierin die Darwin’sche Schrift zu ergänzen, namentlich indem 
Tabellen hinzugefügt worden sind, welche für die wichtigsten Tiden die zur 
richtigen Zusammenfassung der stündlichen Wasserstände bei Ableitung der 
4) Wir gebrauchen nach dem Vorgange von Lenz in „Fluth und Ebbe u. s. w.“ diesen an 
der Nordseeküste gebräuchlichen Ausdruck, wobei wir noch bemerken, dafs derselbe nicht vom eng- 
lischen „tide“ abgeleitet ist, sondern ein gut deutsches Wort ist und mit langem i gesprochen wird,
	        
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