Ann. d. Hydr. ete., XII. Jahrg. (1884), Heft VL
305
Die harmonische Analyse der Gezeitenbeobachtungen,
(Von Prof, Dr. Börgen in Wühelmshaven.) \ ;
Wie bekannt, ist bereits seit längerer Zeit, zuerst unter Leitung von
Sir William Thomson, durch Mr. Roberts in England die Bearbeitung von
stündlichen Wasserstandsbeobachtungen nach der Methode der harmonischen
Analyse für eine Reihe von Orten in Angriff genommen, und sind deren Resultate
in den „Reports of the british association“ veröffentlicht worden. Es finden sich
bei diesen Gelegenheiten, namentlich in den „Reports“ für 1872, 1876 und 1878,
Auseinandersetzungen der Methode, die aber für denjenigen, der nicht schon
ganz mit dem Gegenstande vertraut ist, schwer verständlich bleiben müssen,
da sie zu skizzenhaft sind.
Aus Anlafs der. Bearbeitung der Gezeitenbeobachtungen der indischen
Landesaufnahne wandte sich der mit derselben beauftragte Major Baird an
Prof. G. H. Darwin, dessen Arbeiten über die Gezeiten bekannt sind, um
Rath, und dies wurde die Veranlassung zur Konstituirung eines aus den Herren
Professoren Darwin und Adams bestehenden Komitee’s und zur Ausarbeitung
eines Berichts über die Methode der Bearbeitung der Gezeitenbeobachtungen,
welcher in dem „Report of the fifty-third meeting of the british association
for the advancement of science held at Southport 1883“ erschienen ist.
Dieser von Herrn Darwin verfafste Bericht enthält eine vollständige
Theorie der harmonischen Analyse auf Grund der Gleichgewichtstheorie. der
Gezeiten, und zwar in einer höchst eleganten Form der mathematischen Ent-
wickelung. Aufserdem aber wird iu demselben die Praxis der Analyse in
klarer und übersichtlicher Weise auseinandergesetzt und durch Beispiele der
Formulare sowohl wie der Rechnungen erläutert und durch Hülfstafeln erleichtert,
so dafs diese Abhandlung als ein Leitfaden für die harmonische Analyse der
Gezeiten gelten kann und auch als solcher gelten soll. ;
Auf Anordnung des Hydrographischen Amtes soll nun auch das bereits
sehr angewachsene,. von den an der deutschen Küste aufgestellten selbst-
registrirenden Fluthmessern gelieferte Material der Bearbeitung durch die har-
monische Analyse- unterworfen werden, und hatte Verf. sich deshalb bereits,
ehe ihm die Schrift von Darwin bekannt wurde, eingehend mit dieser Frage
beschäftigt und die ziemlich weitläufigen Entwickelungen begonnen. Nachdem
Darwin’s Schrift im Separatabdruck dem Verf. zu Händen gekommen und die
Entwickelung (nun im engen Anschlufs an Darwin) zu Ende geführt war,
wurden alle Vorbereitungen getroffen, um zunächst an die Bearbeitung eines
Jahrganges Beobachtungen von Helgoland zu gehen, deren Resultat im Anschlufs
an gegenwärtige Arbeit gegeben werden soll. Zur Erläuterung der successive
zu veröffentlichenden Ergebnisse der Bearbeitung und um auch Anderen, welche
Neigung haben, sich mit der Methode und ihrer Anwendung vertraut zu machen,
hierzu Gelegenheit zu geben, erschien es zweckmäfsig, Theorie und Praxis der-
selben an dieser Stelle ausführlich zu behandeln, um das Zurückgehen auf die
schwerer zugängliche englische Arbeit unnöthig zu machen.
Wenn auch die nachfolgende Arbeit sich in engstem Anschlufs an die
von Darwin hält, so ist sie. doch keine Uebersetzung der letzteren, unter-
scheidet sich vielmehr dadurch von derselben, dafs die theoretische Betrachtung
nicht wie bei Darwin von der Gleichgewichtstheorie ausgeht, sondern von der
zuerst von Airy in seinem Werke „Tides and waves“ gelehrten Wellentheorie.