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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 40 (1912)

Poppen, H.: Die Sandbänke an der Küste der Deutschen Bucht der Nordsee. 293 
seitens des Flutstromes aus See an unsere Küste ein ausgesprochen 
günstiger ist. — 
Wirken aber überhaupt die Gezeitenströme stoffumsetzend und erodierend, 
oder mit anderen Worten erstreckt sich die ihnen innewohnende Kraft bis in 
die Sandregion des Meeres hinab? Theoretisch hat man die Gezeitenäußerungen 
in folgende Formeln gefaßt: 
ı. Die Stärke oder die »Fahrt« ist dem Tidenhub proportional, ferner ist 
sie umgekehrt proportional der Wurzel aus der Wassertiefe. Die Wasserteilchen 
vom Niveau bis zum. Boden schieben sich gleichzeitig, jedoch nicht ganz mit 
derselben Geschwindigkeit!) hin und her. 
2. Die Flutgröße ist nach Airy umgekehrt proportional der 4. Wurzel 
aus der Wassertiefe und auch abhängig von der Breite des gegebenen Bettes, 
und zwar ist sie umgekehrt proportional der Quadratwurzel aus der Breite.?) 
Die Folgerung, die sich für die Praxis daraus ergibt, ist, daß in Trichter- 
buchten, die sich nach hinten zu verflachen oder spitz zulaufen, die Gezeiten- 
ströme am wirkungsvollsten sind, 
So haben die Engen der Fundy-Bai, die eine Tiefe bis zu 110 m aufweisen, 
durchweg reinen Felsgrund,?%) und im Südarme, in der Enge von Parrsborough, ist 
der Felsboden in mehr als 200 m Tiefe von allem Grus reingefegt.*‘) Auch in 
der Umgegend der im Englischen Kanal liegenden beiden Felsrücken, des Varne 
und des Ridge oder Colbart, besteht der Grund vielfach aus Stein- oder Fels- 
grund. Ebenso’ befinden sich in den Gewässern West-Schottlands tiefe Rinnen 
von 150 bis 200 m inmitten sandiger Flächen eingefurcht; der Boden und die 
steilen Flanken der Rinne bestehen aus unbedeckten Felsen. ‚Ja, bei den 
Kanarischen Inseln hat man gelegentlich der Legung von Tiefseekabeln Kuppen 
gefunden, die, bis zu 1800 und 2000 m aus 4000 m Tiefe aufragend, von Glo- 
bigerinenschlamm reingeputzt waren.°) Oder erinnern wir uns an das Borkum 
Riff, wo das Senkblei des Seemanns an manchen Stellen vergeblich Grundproben 
heraufzubefördern sucht. . Alle diese Erscheinungen werden auf die erodierende 
Tätigkeit der Gezeitenströme zurückgeführt. — 
Steht somit zweifelsfrei fest, daß der Gezeitenstrom ein sediment- 
verfrachtender Faktor ist, so fragt es sich, ob und in welcher Weise dieser 
Vorgang an unserer Küste sich abspielt. Zu diesem Zwecke setzen wir die hiesigen 
Verhältnisse mit denen jener Örtlichkeiten in Parallele. Dabei finden wir zu- 
nächst, daß die Nordsee selbst ein golfartiges Meer ist mit sanft ansteigendem 
Boden zur deutschen Küste hin. Das steigende Terrain veranlaßt zunächst einen 
größeren Tidenhub, der nach Airy umgekehrt proportional ist der 4. Wurzel 
aus der Wassertiefe, anderseits aber auch eine Verringerung der Geschwindig- 
keit, die beispielsweise in der tiefen norwegischen Rinne 120 Sm, über der 
seichten Nordseebank aber nur 60 bis 70 Sm beträgt;®) allein der Meeresboden 
dürfte dabei um so energischer angegriffen werden, analog einer am Bergeshang 
sich .hinaufwindenden Straße, auf der ein Wagen leicht und ohne merkliche 
Spuren zu hinterlassen, hinabfährt, während der hinauffahrende seine Räder tief in 
den Boden eindrückt (s. S. 18). Diese Beobachtung kann man auf dem sanft an- 
steigenden Watt machen, wo die vordere Grenzlinie der ankommenden Flutwelle die 
Sedimentpartikelehen vom Wattboden aufwirbeln läßt. — Bei den Kleinformen; 
den Flüssen mit ihren verwickelten Ästuariensystemen, die größtenteils sub- 
mariner Art sind, den Gaten, Baljen, Prielen, kommt noch zu obigem Moment 
des steigenden Terrains ein anderer überaus wichtiger hinzu: die seitliche Ein- 
engung der Welle, die sowohl eine Vergrößerung der Erosionskraft, als auch 
!') Vgl. S. 22. + 
2?) Wir folgen dabei zum Teil der wertvollen Krümmelschen Abhandlung: in Petermanns 
Mitteilungen 1889, S. 129. 
% Petermanns Mitteilungen 1889, S. 129ff. 
*) A. Supan, Grundzüge der physischen Erdkunde, 1911, S. 594. 
5) O0. Krümmel, Ozeanographie II, 1911, S. 285. NS 
5 O0. Krümmel, Die Deutschen Meere usw. In »Institut für Meereskunde«, Heft 6. 1904, S. 19
	        
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