Die Katastrophe in der Sunda-Strafse.
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weitere über den Stand der Neubildungen am 8. Januar 1868 von Herrn
von Wickede, dem damaligen Kommandanten des österreichischen Kanonen-
boots „Dalmat“, welche in Dr. Schmidt’s „Studien über Vulkane und Erd-
beben“ veröffentlicht sind, Während die erstere nur eine geringe Ausdehnung
des Landgebietes, aber schon eine beträchtliche Abnahme der Tiefenverhältnisse
nachweist, ergab die Aufnahme von Wickede’s ein Anwachsen des Landes
bis zur früheren 300 m-Grenze.
Die mechanischen Wirkungen der Katastrophe haben sich leider — wie
bekannt — nicht auf die vorerwähnten Veränderungen des Meeresbodens und
unbewohnter Inselgruppen (von den betroffenen Inseln der Gruppe war nur das
etwas weiter abgelegene Sebesie bewohnt, dessen Bewohner sämmtlich um-
gekommen sind) beschränkt, welche, soweit die über dem Meeresspiegel liegen-
den Theile der letzteren betroffen wurden, einigermafsen illustrirt werden durch
die auf Taf. 5 gegebenen, niederländischerseits aus nördlicher Richtung während
und nach der Katastrophe aufgenommenen Ansichten von Krakatau, Verlaten-
und Lang-Insel.*‘) Wie die auf derselben Tafel gegebene kleine Kartenskizze
eines Theiles: der javanischen Küste der Sunda Strafse in dem gelb angelegten
Theile erkennen läfst, sind vielmehr sehr bedeutende Küstenstrecken von einigen
durch die Katastrophe erzeugten Fluthwellen heimgesucht worden, wohlhabende
Ortschaften, meist mit ihren gesammten Bewohnern, unter sich begrabend und
blühende Gärten und Felder in Einöden umgestaltend. Das Kärtchen beruht
auf den Aufnahmen des topographischen Bureaus in Batavia und umfalst nur
den Theil der Küste zwischen Kap St. Nicolaas und Tjaringin, da die weitere
Aufnahme nach Süden noch nicht abgeschlossen ist. Die Verwüstungen sollen
auch weiter nach Süden in ähnlichem, theilweise sogar gröfserem Umfange statt-
gefunden haben.
Diese grofsartig zerstörende Kraft der Fluthwelle leitet uns zur Be-
trachtung der physikalischen Erscheinungen über, welche die Katastrophe zur
erzeugenden Ursache hatten und ein vorwiegend wissenschaftliches Interesse
auch für den Seefahrer besitzen.
Wir wissen, dafs starke Erschütterungen, welche ein elastisches Medium,
befinde sich dies in gasförmigem, flüssigem oder.selbst festem Aggregatzustande,
empfängt, Schwingungen oder Wellen erzeugen, denen die Fähigkeit innewohnt,
sich so lange und so weit fortzupflanzen, bis die ihnen innewohnende Kraft durch
die Reibung der Moleküle und die Schwerkraft verzehrt ist. "Trotz der wichtigen
theoretischen Untersuchungen von Weber, Helmholtz, Airy, Scott Russel
und vielen Andern treten uns in den thatsächlichen Wellenbewegungen des
Oceaus und Lufimeeres noch manche nicht völlig aufgeklärten Erscheinungen
entgegen. Es gilt dies nicht nur von der Abhängigkeit der Periode und der
Fortpflanzungsgeschwindigkeit von der Gröfse der Wellen und der Dichte und
Tiefe des Mediums,”) sondern namentlich auch von den erzeugenden, sowie den
verstärkend oder ausgleichend wirkenden Ursachen. Die dem Seemann so
häufig auf hoher See begegnende, vom herrschenden Winde ganz unabhängige
Sturzwelle ist bisher noch ebensowenig befriedigend erklärt, wie die au vielen
Küsten auftretende Calema und die kolossalen Roller bei Ascension, St. Helena
und gewissen andern Inseln. Dafs mehr oder weniger mächtige Wellen im
Zusammenhang mit Erderschütterungen entstehen und sich oft über alle Oceane
fortpflanzen, haben uns verschiedene grofse Erdbeben, wie das von Callao im
Jahre 1746, das von Lissabon im November 1755, von Japan 1854, von Peru
und Ecuador (mit dem Centrum Arica resp. Tacna) 1868, von Peru und Bolivien
i) Wenn die den Mai-Ausbruch darstellende Skizze genau ist, so möchte man glauben, dafs
der dort sichtbare ungeheure Krater ‘an der Ostseite der Insel sich neu gebildet hat, so dals die
beiden Hügel, welche in dem ‚nördlichen Theile der Insel früher vorhanden waren, sich gegen den
grofsen Krater derart projiciren, dafs sie wenig hervortreten, event. könnten sie auch durch den neu
gebildeten Kraterrand überdeckt sein. Die Voraussetzung der Genauigkeit erleidet indels einigen
Abbruch dadurch, dafs auch der hohe Berg Rakata auf der Südseite der Insel — wenigstens schein-
bar — als in Eruption stehend dargestellt ist, was den Thatsachen nicht entspricht.
%) Entgegen der Theorie von Airy und Scott Russel stellt Alfred Tyler z. B. die An-
sicht auf, dafs eine Welle sich in 25000 Fufs tiefem Wasser nicht rascher fortbewege, als in solchem
von 1000 Fufls Tiefe; andere Ansichten gehen dahin, dafs durch die Anziehungskraft erzeugte
Wellen (Fluth) ganz anderen Gesetzen gehorchten, als Stofs- oder Reibungswellen, sowie dafs die
Stärke und Richtung des Stofses von Einflufs auf die Fortpflanzung sei.
Ann, d. Hydr, ete., 1884, Heft Y.