Ueber Gewitter- und Hagelbildung.
den östlichen Winden der nordindischen Tiefebene trennt, welche Linie, so
zu sagen, die Achse des ganzen Monsungebietes bilde.
Als ferneren Beitrag zu den charakteristischen Erscheinungen der Ge-
witter theile ich hier noch eine Beobachtung von C. Fritsch mit.)
„Ich sah einmal Anfang August hier in Wien am nördlichen Horizont
ein Segment einer grofsen runden Scheibe von dichtem Cirrusfilz auftauchen.
Schon am folgenden Tage verbreitete sich die Nachricht von einem verheerenden
Hagelschlage, der in Böhmen niederging. Die Wirbelstürme veranlassen die
Bildung solcher Scheiben von Cirrusfilz, die die oberste Schicht eines Gewitter-
aimbus bilden, gleichsam die obere Randfläche des Wolkentrichters, der die
Hagelsteine auf einem schmalen Streifen ausstreut. Man mufs annehmen, dafs
der Orkan, welcher bei der Bildung des Cirrusfilzes offenbar im
Spiele war, so lange Zeit brauchte, ehe er sich so tief herabsenkte,
als die Bildung des Wolkentrichters erforderte, welcher die Hagel-
steine ausstreute.“
Nach dieser Schilderung der wesentlichsten Merkmale der Gewitter und
Hagelwetter, hauptsächlich vom dynamischen Standpunkte aus, will ich nun den
Versuch machen, diese Merkmale zum Aufbau einer Theorie der Gewitter und
Hagelwetter zu verwenden.
Wie schon bemerkt, leitet die Thatsache, dafs bei allen einigermafsen
entschieden ausgeprägten Luftwirbeln fast stets Entwickelung von Elektricität,
heftige Niederschläge, Hagelfälle gleichzeitig auftreten, fast unwillkürlich zu
der Idee, dafs an die Wirbelbewegung der Luft elektrische Entladungen, schwere
Regengüsse und Hagel, wenn auch nicht in jeder Beziehung direkt, so doch
indirekt geknüpft sein müssen.
Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, nehme ich also an, dafs allen
diesen Erscheinungen wirkliche Luftwirbel als Hauptursache zu Grunde liegen,
und will nun darthun, wie die aus diesem Grundgedanken zu ziehenden Schlufs-
folgerungen mit den Thatsachen in Uebereinstimmung zu bringen sind.
Hat über einem gröfseren Gebiete durch mehrtägige starke Insolation
eine bedeutende Hebung der unteren Niveauflächen neben starker Entwickelung
von Wasserdampf stattgefunden, so werden dadurch die höheren Niveauschichten,
sowohl infolge der größeren Ausdehnung der unteren Schichten als der gröfseren
Spannung des reichlich vorhandenen Wasserdampfes, so sehr gehoben, dafs in
der Höhe ein allseitiges Abfßließen der Luft eintreten mul, Dies bedingt aber
eine Verminderung des Luftdrucks über dem betreffenden Gebiete. Denn
nach Abflufs der Luft in der Höhe bleibt noch eine Luftsäule übrig, die einer-
seits durch die starke Erwärmung, andererseits durch die starke Beimengung
von specifisch wesentlich leichterem Wasserdampf in hohem Grade gelockert
ist, also einen niederen Druck ausüben mufes, KEin schönes Beispiel für diese
Erscheinung bietet die Gangesebene in Vorderindien, Dort sinkt durch die oben
erwähnten Einflüsse der Luftdruck im Sommer bis auf 747 mm, während er im
Januar 765 mm beträgt.?!) Es ist überhaupt bekannt, dafs im Sommer die
Niveauschichten viel höher liegen als im Winter. Dadurch kommt ein Punkt
von bestimmter Höhenlage im Winter in eine Niveauschicht zu liegen, die ent-
sprechend dünner ist als im Sommer, während die unteren Schichten viel dichter
zind. So ist auf Pikes Peak in einer Höhe von 14151 Fufßs (engl.) der Luft-
druck im Winter um 16 mm geringer als im Sommer, Dabei ist in unserem
Falle von wesentlichem Belang, dafs der oben erwähnte Abflufs in der Höhe
auch wirklich stattfinden kann, indem, wenn dies nicht möglich, eine Ver-
mehrung des Luftdrucks am Boden die Folge sein würde. Was den Vorgang
der Erwärmung der Luft selbst betrifft, so darf man keineswegs an einen direkt
bis zu grofser Höhe aufsteigenden Luftstrom denken, Nach Prof. Hann (dessen
Erklärung mir die einzig richtige zu sein scheint) schreitet die Erwärmung viel-
mehr nur, allmählich durch das Spiel aufsteigender wärmerer und nieder-
ainkender kälterer Luftsäulchen und deren Vermischung von unten nach oben
5. Zeitschrift für Meteorologie, Bd. III, pag. 310—314.
ı Siehe hierüber einen Artikel von J. A. Hill in der Nature, Bd. 21, Seite 513—514.