Anomalien bei der Hörbarkeit von Schallsignalen.
Neuerdings sind in dem „Bulletin of ihe Philosophical Society of
Washington“, Smithson-Collect. Vol. XXV, 1883 (im Auszuge in den „Annales
hydrographiques“, Paris 1883, II, pag. 336-—342, mitgetheilt), und in einem
Artikel in „The Evening Telegram“, New-York, September 4, 1883, die haupt-
sächlichsten Anomalien, welche sich bei der Hörbarkeit des Schalles nach den
oben angeführten Forschern erwiesen haben, in zehn Sätzen zusammengestellt.
Wir theilen hier zunächst die von Prof. Henry als Ergebnisse seiner
Untersuchungen aufgestellten Sätze mit.
1. Hörbarkeit eines Schalles in einer gewissen Entfernung (z. B. 5 Sm)
vom Ursprungsorte desselben und Nichthörbarkeit desselben Schalles in der-
selben Richtung, aber kürzerer Entfernung (z. B. 2 Sm) von diesem; —
2. Hörbarkeit eines Schalles in der einen Richtung (z. B. bis auf 1 Sm)
und vollständige Nichthörbarkeit desselben in der gleichen Entfernung aber in
einer anderen Richtung; —
3. Hörbarkeit eines Schalles an dem einen Tage bis auf eine gewisse
Entfernung (z. B. 10 Sm), an einem anderen Tage nur bis zum fünften Theile
dieser Entfernung (also z. B. 2 Sm); —
4. Gewöhnlich wird der Schall mit einem günstigen Winde besser
gehört, als gegen denselben; doch sind auch Ausnahmefälle vorhanden; —
5. Plötzliches Aufhören des Schalles, wenn man von einem Orte zu
einem anderen benachbarten bei gleichem Abstande von dem Ursprungsorte
fortgeht.
Die oben erwähnten zehn Sätze sind:
li. Je mehr sich die atmosphärischen Zustände der Windstille nähern,
desto weiter ist die Zone der Wahrnehmbarkeit des Schalles, desto mehr
nähert sich die Gestalt derselben der einer Kugel, deren Centrum der Ursprungs-
ort des Schalles ist. Hierbei mufls man aber abstrahiren von der durch die
Temperatur hervorgebrachten Refraktion des Schalles, welche die Zone der Hör-
barkeit des Schalles stets zu modifieiren strebt. —
2. Immer abgesehen von dieser Refraktion des Schalles, wird man den-
selben in der Richtung einer leichten Briese weiter hören, als bei einem
stärkeren Winde, weil der Theil der von oben nach unten niedergeschlagenen
Schallwellen in diesem Falle durch den von der Oberfläche reflektirten verstärkt
wird und den von der Reibung an der Oberfläche herrührenden Verlust mehr
als kompensirt (s. No, 4). —
3. Unter sonst gleichen Umständen wird die Zone der Hörbarkeit des
Schalles proportional verringert in dem Falle, dafs der Schall in einer, mehr
oder weniger starken Winden entgegengesetzten Richtung sich fortpflanzt,
weil in diesem Falle die Schallwellen über dem Ohr des Beobachters reflektirt
werden. —
4. Die Zone der Hörbarkeit eines Schalles, welcher sich mit einem
günstigen, aber starken Winde fortpflanzt, wird verkleinert, weil in diesem
Falle die Schallwellen auf den Boden so schnell und stark niedergeschlagen
werden, dafs die Verminderung der Intensität des Schalles durch Absorption
and Reibung nicht durch die Zurückwerfung der Schallwellen nach oben
kompensirt werden kann, wie dies bei einer leichten günstigen Briese der Fall
ist (s. No. 2). —
5. Unier sonst gleichen Umständen wird der Schall, welcher sich gegen
eine leichte Briese hin fortpflanzt, weiter gehört, als ein gleich starker Schall,
welcher sich mit einem günstigen aber starken Winde fortpflanzt, weil die in
letzterem Falle sehr starke Ablenkung der Schallwellen nach unten die Hörbarkeits-
bedingungen rascher zu zerstören strebt, als dies bei der schwachen Ablenkung
nach oben geschieht, welche in dem ersten Falle stattfindet.
6. Wenn Töne, welche sich in entgegengesetzter Richtung als der Wind
fortpflanzen, weiter gehört werden, als solche in der Richtung eines gleich
starken Windes, so rührt dies her von dem in diesem Momente stärker, aber
im entgegengesetzter Richtung als der Wind an der Oberfläche wehenden
Oberwinde,
7. Ein Schall, welcher sich gegen den Wind fortpflanzt und derart
veflektirt wird, dafs er über den Kopf des Beobachters hinweggeht, kann in
dem Punkt, wo er abgelenkt wird, nach oben einen akustisch leeren Raum