Ann, d. Hydr. ete., XII Jahrg, (1884), Heft 1.
Ueber Gewitter- und Hagelbildung.
Von Dr, P, Andries,
Die Entstehung des Gewitters und Hagels ist noch immer ein unvollständig
gelöstes Problem, wie allseitig anerkannt wird. Alle bis jetzt aufgestellten
Theorien bieten Schwierigkeiten und Widersprüche dar, besonders in Betreff
des Hagels, die noch keine dieser Theorien zur allgemeinen Geltung kommen
liefsen. Läfst man die nebensächlichen Erscheinungen auch bei Seite, so bleiben
selbst für die wichtigeren noch so viele ungelöste Fragen übrig, dafs es be-
rechtigt scheinen mag, wenn in den folgenden Zeilen der Versuch gemacht
wird, eine umfassende, alle wichtigeren Gewitter- und Hagelerscheinungen be-
rücksichtigende Theorie aufzustellen.
Das vorliegende Problem bietet zwei Seiten dar, die eine getrennte Be-
handlung erfordern, eine rein mechanische ‚und eine rein physikalische.
Betrachten wir zuerst die mechanische Seite unserer Aufgabe, und be-
ginnen wir gleich mit der Gröfse der Hagelkörner. Es liegen über diesen
Punkt so viele authentische Thatsachen vor, dafs es fast überflüssig scheint,
auf denselben näher einzugehen, Es sollen daher auch nur einige Beispiele er-
wähnt werden, um gerade an ihnen die Bedeutung dieser Seite ins rechte Licht
zu setzen. Im Jahre 186.,') fiel während eines Gewitters auf dem Hunsrück
in der Nähe der Gemeinde Blankenrath (Rheinprovinz) ein aus an einander ge-
frorenen Hagelkörnern bestehender Eisblock vom Himmel von ganz gewaltigen
Dimensionen. Er war etwa 2m lang und 1m breit, bei entsprechender Dicke,
und war ziemlich tief in die Erde gedrungen. Die Thatsache: wurde regierungs-
seitig festgestellt und ist über allen Zweifel erhaben. Gewifs mehr als hundert
Personen haben den Eisblock gesehen, haben ganze Stücke desselben mit nach
Hause genommen, und waren die Reste noch nach acht Tagen nicht vollständig
geschmolzen. Jeder mufs sich nun sofort die Frage vorlegen, wie es möglich
war, dafs eine solche ungeheure Zahl von Hagelkörnern in der Höhe sich zu
einem so schweren Block zusammenballen konnte, ohne herunter zu fallen, ehe
diese enorme Gröfse erreicht wurde. Es ist bekannt, dafs Hagelsteine nicht
blofs Dächer, sondern sogar Zimmerdecken durchschlugen. Ein solcher Hagel-
stein wog, nachdem man ihn vom Boden aufgenommen, noch 6kg.?) Bei einem
Hagelwetter in der Nähe der Insel Wight fielen sphäroidisch oder scheibenförmig
gestaltete Hagelsteine von 4 Zoll Umfang und 1 Zoll Dicke und darüber.
Die sonderbarste Erscheinung war, dafs diese Hagelmassen augenschein-
lich durch irgend eine spiral- oder kreisförmige Bewegung gebildet worden,
denn der Aufsenrand erschien ganz weifs und undurchsichtig, gleich gefrorenem
Schnee, während nach dem Mittelpunkt hin die Masse immer durchsichtiger
wurde, der Mittelpunkt selbst aber wieder als runder und undurchsichtiger Fleck
auftrat. ;
Die Unmöglichkeit, eine genügende Erklärung für die Bildung solcher
grofsen Eismassen innerhalb der Atmosphäre zu geben, besonders der Umstand,
dafs diese Massen eine solche Schwere erreichen können, ohne vorher herunter
zu stürzen (die Luft müfste z. B., um solche Hagelsteine von mehreren Zoll
1) Ich kann leider das Datum nicht genau feststellen,
2) „Fortschritte der Meteorologie“, 1882, pag. 100.
3 Piddington, „Sailor’s Horn-Book"“, 1869, pag. 374.