470
Treibeis im Nordatlantisclicn Oceau.
wir glücklicherweise ziemlich dünn und offen fanden. Unser Besteck um Mittag
ergab 44° 31' N-ßr und 48° 36' W-Lg. Die Temperatur der Luft war 1,2°,
die des Wassers 0,2°. Auf einem W- und W7*S-Kura gelangten wir bei einer
Fahrt von 3 Kn um 1 , /-> Uhr Nachmittags durch das dichteste Eis, worauf noch
einige Schollen folgten, so dafs wir die ganze Breite des durchsegelten Eis
stroms auf 5 Sm schätzen können. Nach unseren Beobachtungen scheint cs, dals
wir in den letzten Tagen etwa V-' Kn südliche Strömung gehabt haben.
„Am Nachmittage segelten wir bei etwas auffrischendem Südwinde nach
Westen. Um 4 Uhr erblickten wir eineu grofsen Eisberg voraus, den wir um
67s Uhr passirten. Um 6 Uhr lotheteu wir 36 Fad. (64 in) Wassertiefe und
standen demnach auf 44° 28' N-Br in ungefähr 49° 7' W-Lg. Der Eisberg,
welcher bei einer Länge von 1500 bis 2000 Fufs (450 bis 600 m) eine Höhe von
150 Fufs (45m) über Wasser hatte, mufste also auf der Neufundlands-Wank
gestrandet sein. In der Nacht vom 19. zum 20. März um 11 '/■> Uhr, in 44° 26'
N-Br und 49° 48' W-Lg, passirten wir nördlich von uns den letzten Eisberg.
I)ic Wassertemperatur, welche um 4 Uhr Nachmittags —0,7° betrug, iiel um
8 Uhr Abends bis —1,3° und nahm gegen 12 Uhr Nachts nur bis—0,5° wieder
zu. Auch auf dem weiteren Wege bis nach 42° N-Br und 62° W-Lg zeigte
das Wasser, obgleich kein Eis mehr angetroffen wurde, noch verschiedentlich
eine Temperatur unter 0° und hatte oft die duukelgrünliehe, schmutzige Farbe
des Eiswassers.“
Bezüglich seiner Route bemerkt Kapt. Alberts noch:
„Ich glaube kaum, dafs wir so gut oder besser hätten ausmachen können,
wenn wir Kapt. Ncumanu’s vom Schiffe „Farewell“ Rath folgend ciuo mehr
nördliche Route nach 50° W-Lg eiugeschlagcn hätten. Wir folgten so nahe
wie möglich der Loxodromc nach dem Schnittpunkt 48° W-Lg in 45° bis
45° 30' N-Br. Wenn der Wind mitunter westlich oder nördlicher lief, strebten
wir immer danach, etwas Süd zu gewinnen, denn ich rechnete darauf, in dieser
Jahreszeit Eis anzutreffen. Leider waren nördliche Winde nur selten und nie
von langer Dauer; fast den ganzen Weg mufsten wir mit südöstlichen und süd
lichen Winden zurücklegen und kamen infolge dessen nördlich über die geplante
Route hinaus. Wie würden wir aber vom Eise freigekomtnen sein, wenn wir
Noumaun’s Vorschläge gernäfs noch nördlicher gegangen wären, und wie viel
Zeit würden wir dann dabei verloren haben?“
Kapitän Albert's Frage lindet ihre Beantwortung in dem folgenden
Bericht aus dem Journal des Schiffes „/ihm«“, Kapt. J. Stocnkcn.
„Elena“, welche gleichfalls nach Nerv- York bestimmt war und die Route
Nord um Schottland nahm, überschritt 10° W-Lg in 59,3° N-Br etwa vier
Wochen vor „Olbers“ am 4. Februar 1883 und wurde dann zunächst durch fort
währende SW- und Weststürme eine sehr lange Zeit aufgehalten und später
durch anhaltende südliche Winde zu einer sehr nördlichen Routo geführt. Man
kreuzte 30® W-Lg in 61,5° N-Br am 2. März und 40° W-Lg in 57,4“ N-Br
am 9. März. Auf dieser Route wurde das erste Eis bereits in 61° 40' N-Br
uud 30° 49' W-Lg, der Mittagsposition vom 4. März, gesichtet. Kapitän
Steenken bemerkt in seinem Journale:
„Um 12 1 “ Mittags sahen wir einen Eisberg 4 Sm nördlich von uns. Das
Wetter war stürmisch und böig bei W 9—11. Die Wassertemperatur betrug
6,2° (1, die der Luft 3,8® C. Am 6. März um 4 Uhr Morgens, gerade bei Tag-
werden, passirten wir auf 61° 42' N-Br uud 31° 54' W-Lg einen zweiten Eis
berg, dessen Höhe wir auf 30 bis 40 Fufs (9 bis 12 m) und dessen Lauge wir
auf 200 Fufs (60 m) schätzten. Die Wassertcmporatur betrug etwa 6,0° C. Am
folgenden Tage um 5Uhr Nachmittags, auf 60° 4' N-Br und 35° IG' W-Lg,
passirten wir abermals einen Eisberg, welcher ungefähr 70 Fufs (21m) hoch
und 300 bis 400 Fufs (90 bis 120 m) lang war. Die Temperatur der Meeres
oberfläche war 4,8° 0.“
Als „Elena“ den letzten Berg dieser ganz ungewöhnlich weit von der
Ostküste Grönlands abgetriebenen Eisberggruppe passirte, stand das Schilf etwa
230 Sm östlich von Kap Farewelld) Von hier bis zum 15. März in 52° 43' N-Br
und 46® 16' W-Lg wurden bei mäfsigen veränderlichen Winden etwa 600Sm
*) Der zuerst gesehene Berg befand ¡¡¡eli nahezu 300Sin von der grönländischen Küste entfernt.