28
Bericht der deutschen Brigg „ Atlantic 1 ,
wir am 12. Mai erreichten. Auf dem weiteren Wege nach dem Kap Horn
wurden wir meistens von westlichen Winden begleitet.
Am 20. Mai, in 50° 56' S-Br und 83® 21' W-Lg, hatten wir einen schweren
Sturm zu bestehen, der aus NW anfing, langsam nach West drehte und am
Mittage des genannten Tages plötzlich, mit orkanartiger Gewalt und von Hagel
böen begleitet, aus SW einfiel- Die See war wild und hoch, und Sturzwellen
brachen über das Schiff. Während der 12 letzten Stunden hatten wir mit
beiden Untermarssegeln und der gerefften Fock gelenzt; um 2 Uhr Nachmittags
waren wir jedoch genöthigt, unter dem Grofsuntermarssegel beizulegen. Mit
dem Aussohiefsen des Windes nach SW fing das Barometer sofort zu steigen
an. Am nächsten Tage, in 51° 7'S-Br und 82° 22' W-Lg, war der Sturm im
Abnehmen, doch wehte es noch stürmisch aus West mit einor hohen See aus SW.
Während des Stui'mes waren der Ruderkopf und die Ruderpinne ge
brochen. Wir versuchten, beide Theile durch Taue und Kettenzurriuge, in
welche wir lange eichene, zugleich als Schienen dienende Keile trieben, zu
befestigen, hakten Taljen in die Sorgleinen und hatten nach fünfstündiger Arbeit
die Freude zu sehen, dafs der Ruderkopf wieder eine ziemliche Festigkeit
erhalten hatte.
Am 23. Mai ergab das Besteck 54° 51® S-Br und 76° 24' W-Lg. Von
hier bis nach 57® 6' S-Br und 70° 30' W-Lg hatten wir meistens gegen östliche
Winde anzuarbeiten. Am 28. Mai wehte ein stürmischer SE-Wind mit Schnee
böen und am folgenden Tage ein voller Sturm ans dieser Richtung bei einer
hohen, wilden See. Mit Rücksicht auf das beschädigte Ruder steuerten wir,
um den Wind und die See achterlich zu bekommen, westlich von den Falkland-
Inseln nach Norden und erreichten bei vorwiegend südöstlichen Winden am
1. Juni 47" 58'S-Br und 59° 20' W-Lg. Von der Route, welche mir von der
Seewarte empfohlen worden war, hatten wir uns auf diese Weise sehr weit
entfernt, und da die erwarteten westlichen Winde ganz ausblieben, so war es
mir bei dem besten Willen auch nicht möglich, wieder in die Route zu gelangen.
Atu 8. Juni, in 40° 45' S-Br und 49° 11' W-Lg, hatten wir abermals einen
Sturm aus SE— SSE mit einer hohen, ungestümen See zu bestehe», bei welchem
wir drei Wachen vor dem Grofsuntermarssegel beigedreht lagen. Da in diesem
Sturme das Ruder wieder stark gelitten hatte, so entschloß? ich mich, nach reif
licher Ueberlegung, Rio de Janeiro anzulaufen und dort zu reparären. Das
Schiff stand zurZeit ungefähr 1100 Sm von Rio und mir 500 Sin von Montevideo
entfernt; dennoch zog ich den ersteren Platz, da ich ihn mit gröfserer Sicher
heit zu erreichen hoffte, und da ich wufste, dafs die Reparatur dort billiger zu
beschaffen sein würde, dem letztgenannten vor. Vor der Mündung dos La
Plata hätte ich vielleicht einen Pampero zu bestehen gehabt, und wäre mir in
einem solchen Falle in der kabbeligen See auf dem flachen Wasser ohne Zweifel
der Ruderkopf ganz abgedreht. Auf der Fahrt nach Rio konnte ich dagegen
die Pamperos als günstige Winde benutzen, auch mit den in dieser Jahreszeit
an der Küste von Brasilien vorherrschende» südlichen Winden meine Reise
ohne Schwierigkeit befördern.
Am 24. Juni 1882 erreichten wir, ohne weiteren Unfall, mit vorwiegend
leichten veränderlichen Winden die Einfahrt von Rio de. Janeiro