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Andrias: Resultate aus fünfjährigen meteorologischen Beobachtungen etc.
Nachdem im Vorhergehenden die Hauptfaktoren, die das Klima einer
Gegend charakteriairen, in Kürze geschildert wurden, sollen noch verschiedene
Eigentümlichkeiten unseres Küstenklimas nebst deren Ursachen hervorgehoben
werden.
Der Binnenländer, der nicht aus eigener Erfahrung das Eigentümliche
eines solchen Klimas kennen gelernt, wird sich wohl in vielen Fällen falsche
Vorstellungen in Betreff mancher Einzelheiten machen. Gewöhnlich denkt er
sich, dttfs während der gröfseren Hälfte des Jahres dichter schwerer Nebel die
Gegend bedeckt, dafs die Temperatur relativ mild, der Regen häufig und zu
gewissen Zeiten lang anhaltend, dafs überhaupt die Gegensätze allgemein ge
mildert, daher der klimatische Charakter gleich- resp. einförmig und ohne Reiz
sei. Diese Anschauung trifft auch in mancher Beziehung für Gegenden, wie
Irland, die Bretagne, die Normandie, zu, viel weniger jedoch für unsere Küste.
Man weifs, dafs mit wachsender geographischer Breite im Allgemeinen die
Witterungsgegensätzc ebenfalls wachsen, und dieser Satz behält auch seine
Giltigkeit im Vergleich zu dem mittleren und südlichen Deutschland. Nur in
einem Punkte, den absoluten Temperatur-Extremen, trifft er nicht mehr zu.
Lassen wir die gröfseren Luftdrucksehwaokungeu, da sie sich für das Gefühl
kaum geltend machen, bei Seite, so bieten doch die Tem p er a t ur ver h ältn i ss e
einzelner Tage sowie ganzer Monate grofse Gegensätze in den verschiedenen
Jahren. Man kann diese Unterschiede am augenfälligsten durch Beobachtung
der Entwickelung der Vegetation erkennen. Der Verfasser dieses hat seit vier
Jahren die Zeit der ersten auftretenden Blüthe eiuer Reihe von Pflanzen uotirt
und diese Beobachtungen dem Professor Hoffmann in Giessen, der alljährlich
dieselben Pflanzen beobachtet, mitgetheilt.
Eine Vergleichung der Blüthezeit ergab für Wilhelmshaven im Mittel der
vier Jahre ciue Verspätung von 12 Tagen gegen Giessen. Während aber diese
Verzögerung im Jahre 1878 nur 3 Tage betrug, betrug dieselbe im darauf
folgenden Jahre 1879 volle 18 Tage.
Die Ursache dieser abnormen Erscheinungen liegt hauptsächlich an den
grofsen klimatischen Unterschieden beider Frühjahre an unserer Küste und nicht
etwa au denen Giessens; 77 Proc. der hier im Monat April 1879 herrschenden
Winde kameu ans der östlichen Hälfte des Horizonts, das Monatsmittel der
Temperatur betrug infolge dieser kalten Winde nur 5,3° C. Keitum hatte sogar
nur 4,0°, Borkum ebenfalls eine sehr niedrige Temperatur, 4,7°. Dafs unter
solchen Umstäudeu von einer Entwickelung der Vegetation keine Bede sein
kann, ist klar. Der Verfasser dieses hatte übrigens Gelegenheit, diese Unter
schiede in der Pfiauzenentwickelung auf einer Urlaubsreise im Jahre 1881 direkt
zu beobachten. Obgleich das Jahr 1881, wo im April ganz ähnliche Witterungs
verhältnisse herrschten, wie im Frühjahr 1879, uicht mehr zu der hier in
Frage kommenden fünfjährigen Periode gehört, so mag doch Folgendes zur
Charakterisirung unseres Klimas hier angefügt werden. Er reiste am 14. April
früh von hier ab und traf in Köln schon um 4 l /; h p. m. eiu. Hier au der Küste
herrschte ein anfserordeutlich scharfer und trockener Ostwind (rel. Feuchtigkeit
am 14. 2 h p. m. 26 Proc.). Je weiter man indessen nach Süden kam, nahm die
Windstärke in demselben Mafse ab, und als die Baku das /?A«i«-Thal erreichte,
schien die Natur wie plötzlich erwacht. Es war sommerlich warm (nahe 20° C.),
und während der Ostertage erreichte das Thermometer in Trier über 22° O.
Kirsch- und Birnbäume Stauden in voller Blüthe. Allerdings trat dann ein
grofser Umschwung ein; kalte NW-Wiude brachen plötzlich herein und drückten
die Temperatur mehrfach unter den Gefrierpunkt. An der Nordseeküste blieben
die Ostwinde jedoch vorherrschend. Bei der Rückkehr nach vier Wochen fand
sich die Vegetation hier ungefähr so weit entwickelt, wie am Rhein bei Antritt
der Reise. Der April 1881 wies aber auch hier nur ciue Temperatur von 5,5° 0.
auf; 67 Proc. der auftretenden Winde waren östlichen Ursprungs, die Gesammt-
regenmenge des Monats betrug 3 mm.
Während, wie schon erwähnt, die Verspätung der Vegetation gegen
Giessen im Mittel von vier Jahren 12 Tage beträgt, hat Giessen selbst gegen
über dem Mittelrhein eine Verspätung von 8 Tagen. Unsere Gegend bleibt also
in der Entwickelung der Pflanzen um ca 20 Tage zurück gegen das ÄAem-Thal.