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Veröffentlichung derselben Anweisung sehr werthvoll, wegen der gröfseren Ver
breitung und weiteren Anregung, welche der Sache damit, gerade von dieser
Seite, gegeben wurde. Bessel bemerkt zunächst, dafs die Voraussetzung der
Konstruktion eines Kreises oder zweier Kreise auf dem Mefstische nicht ver
stauet werden könne, indem auf freiem Felde nur die allereinfachsten Opera
tionen gut gelingen könnten. Der Mefstisch selbst gebe nur das Mittel, den
Winkel zwischen zwei sichtbaren Objekten, an jedem Punkte einer beliebigen
geraden Linie auf dem Papier zu verzeichnen, und durch dieses Mittel allein
müsse also die Aufgabe gelöst werden. — Für die Orientirung des Mefstisches
glaubto Bessel freilich Anfangs noch zwei besondere Hülfspunkte auf zwei Seiten
des bekannten Dreiecks annehmen zu müssen, um dort die beiden observirteu
Winkel anzutragen, deren Schenkel den Schnittpunkt liefern sollten, welcher mit
dem gemeinsamen Punkte dieser beiden Seiten und dem Stationspunkte in einer
geraden Linie liegt (1. c. pag. 195). ln dem späteren Zusatzo (pag. 221—224)
von Bessel 23 ) heifst es aber: „Ein ehemaliger, sehr geschätzter Schüler von
mir, Herr Fähnrich Kulonkamp, machte mich darauf aufmerksam, dafs die
beiden Hülfspunkte füglich entbehrt werden können; — da dieses, für die Praxis
auf dem Felde, ohne Zweifel eine wesentliche Verbesserung ist, so unterlasse
ich nicht, eine zweite Vorschrift mitzutheilen, welche vor der ersten diesen
Vortheil voraus hat.“ Nun folgt die Beschreibung der Konstruktion, wonach
die beiden obsenirten Winkel, unter welchen zwei Dreieeksseiten erscheinen,
an die dritte Seite gelegt werden (wie schon in Collin’s Konstruktion) und
der Schnittpunkt, mit dem dritten Dreieckspunkte verbunden, hier die Orieu*
tirungslinie als geometrischen Ort des gesuchten Punktes darbietet. Dio Aus
führung auf dom Mefstische, vermittelst der vorliegenden Winkel auf dem Felde,
ist dann ebenso, wie es 6 bis 7 Jahre vorher Bohnenberger und Schulz
Montanus beschrieben hatten. Ueber die wegen der erforderlichen Drohung
des Mefstisches dabei vorkommende Winkelexcentricität hatte Bessel schon
vorher erwähnt, dafs der kleine Fehler wohl immer unmerklich sein werde,
wenn nur der Mittelpunkt des Mefstisches senkrecht über D ist. Ferner führt
Hessel (pag. 196) an, dafs die Schwierigkeit, welche durch zu grofse Ent
fernung des Hülfspunätcs (H) entstehen kann, dadurch zu vermeiden ist, dafs
mau statt der Linie AC, eine mit derselben parallele, A'C', benutzt und dort
die Winkel, wie vorhin, anträgt, wodurch der neue Hülfspunkt (H') näher
an B fällt.
Mechanische Konstruktionen für die Pothenot’sehe Aufgabe finden
sich bereits (aufser der ungefähren, aber unter gewissen Umständen genügenden
Orientirung des Mefstisches durch die Magnetnadel) nach Vorschlägen von
Lambert (1765) und Brander (1772). Der Brander’sche Stangonzirkel für
diesen Zweck bestand au3 zwei mit verschiebbaren Stiften versehenen Linealen,
die um ihren gemeinsamen Endpunkt drehbar waren, um damit ein Dreieck,
ähnlich dem auf dem Felde gegebenen Dreiecke, einzustellen. Darauf wurde
dies so eingestellte Dreieck auf don Schenkeln der vom angenommenen Stand
punkte aus konstruirten Winkel bis zur Uebereinstimmung verschoben, und so
mit hatte man nun alle vier Punkte zugloich auf dem Mefstische, also in der
Voraussetzung, dafs noch kein Punkt daselbst vorhanden war. In gleicher Weise
konnto man auch einen Handzirkel mit drei Spitzen dazu verwenden, wenn diese
Spitzen, dem gegebenen Dreiecke ähnlich, eingestellt wurden. Endlich diente
nach Müller’s Vorschlag jedes, dem gegebenen Dreiecke ähnliche, etwa aus
Papier geschnittene Dreieck zu demselben Zwecke, und durch die Wahl der
Dimensionen des ausgeschnittenen Dreiecks hatte man den Mafsstab der Karte
festgesetzt. Im Fall aber die drei gegebenen Punkte schon auf dem Mefstische
Vorlagen, konnte das sehr einfache Verfahren angewandt werden, welches
Müller (pag. 165) in der oben angeführten Schrift vorschlug, nämlich die
beiden Winkel am Stationspunkte auf durchsichtigem Papier zu konstruiren,
und dasselbe dann über dem gegebenen Dreiecke zu verschieben, bis die
33) Dieser spätere Zusatz ist wohl übersehen worden bei der Darstellung von Bessel’s
Verfahren in einem neueren geodätischen Hauptwerke: C. M. Bauernfcind's .Elemente der
Vermessungskunde“, 3. Aufl., Stuttgart 18ü9, pag. 535, wo sieh die Beschreibung auf die erste Vor
schrift von Bessel beschränkt.