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dabei jedoch nicht erforderlich. Die Wahrheit in der allgemeinen Behauptung
beschränkt sich darauf, dafs für den Fall, dafs ein Lotse genommen wird, die
Behörde dessen Miterscheinen beim Ausklariren verlangt, um sich zu überzeugen,
ob es ein wirklich koncessionirter Lotse ist. Eine gesetzliche Verpflichtung
für den Kapitän, einen Lotsen zu nehmen, besteht nicht.
Ich habe diese Erfahrung bei meiner vorigen Anwesenheit in Buenos-Ayres
selbst gemacht. Ich hatte — im Juli 1881 — daselbst eine halbe Ladung Häute,
für Antwerpen bestimmt, eingenommen. Die andere Hälfte sollte ich in Tuyü,
einem Hafenplatze auf dem rechten Ufer des La Plata, nahe seiner Mündung,
bekommen. Die Lotsen versuchten natürlich, auch mir sich aufzudrängen und
behaupteten sogar, ich sei verpflichtet, einen Lotsen für die ganze Strecke von
Buenos-Ayres nach Tuyü mitzunehmen. Für diesen Dienst verlangten sie nicht
weniger als 1800 Doll. Papier, ungefähr 15 Lstlr. Weil ich diese Summe nicht
zahlen und keiner der Lotsen es billiger machen wollte, so liefs ich es darauf
ankommen, auch ohne oincn Lotsen auszuklariren.
Die Zollbeamten versuchten natürlich, mir Schwierigkeiten zu bereiten.
Sie fragten mich, wo mein Lotse sei, der sein Patent vorzuzeigen hätte; als
ich ihnen aber darauf erwiderte, dafs ich ohne einen Lotsen den Flufs hinunter
segeln wolle, war die Sache erledigt; ich erhielt meine Papiere und konnte
meine Reise autreten. Ich lasse hier einige, die Versegelung von Buenos-Ayres
nach Tuyü betreffende Bemerkungen folgen. 1 * )
Tuyü.*) Nachdem /«dfo-Feuersehiff passirt ist, steuere man zunächst
15 Sm SO p. K. und ändere dann seinen Kurs nach SSO p. K., um Point
Piedras in einem Abstande von 6 Sm zu umsegoln. Obgleich das Land hier
überall sehr niedrig ist, so wird man doch, bei einigermafsen klarem Wetter,
dasselbe aus einer solchen Entfernung sehen können. Das Lotk ist natürlich
fleifsig zu gebrauchen, um die Stromversetzungen zu kontroliren. Ist die
Wassertiefe gröfser als 5,4 m (3 Fad.) geworden, so steuere man etwas süd
licher, um dicht unter dem Lande zu bleiben. Hat man auf SSO-Kurs 10 Sm
abgclaufen, dann ist es am geratensten — falls der Wind ein Verfolgen der
Küste in der 5,4 m- (3 Fad.-) Linie nicht erlaubt — einen SzW- oder höchstens
Süd-Kurs zu steuern, bis die Wassertiefe weniger als 5,4—4,8 m (3—2 3 /< Fad.)
wird. Des Nachts mufs man unbedingt nahe unter der Küste, je nach dem
Tiefgange des Schiffes in 5,4—7,2 m (3—4 Fad.) Tiefe ankern. Häufig sind
Sehiffe, welche vom Kap Piedras nach Tuyü segelten, über die Länge vom Kap
S. Antonio hinaus nach Westen versetzt worden. Man hat aus diesem Grunde
den Strom wohl in Betracht zu ziehen, welcher, läDgs der Küste setzend, der
Einbuchtung der San Boronbon-Bai folgt und als Fluth oder Ebbe auftritt. Ich
habe hier zu Zeiten einen 3 Sm starken Strom beobachtet. Hat mau sich
der Küste auf einem Süd-Kurse bis auf 4,5—5,4 m (2 1 /*—3 Fad.) Wassertiefe
genähert, so steuere mau längs derselben nach der Mündung des Twt/ü-Flusses
und ankere hior in 5,4 m (3 Fad.) Tiefe auf Muddgrund. Das Auffinden des
Ankerplatzes hat insofern seine Schwierigkeit, als von Deck aus nichts vom
Lando zu sehen ist. Von der Mars aus kann man indessen vereinzelt stehende
Bäume wahrnehmen. Längs der ganzen Küstenstrecke stehen die Bäume meistens
nur vereinzelt; aber auch da, wo dieselben in mehreren Reihen sieh befinden,
sind sie nicht so dicht gedrängt, um einen Durchblick zwischen den Stämmen
und Kronen zu verhindern. Nur eben östlich von der Mündung des Tuyü-Flusses
steht eine Gruppe von Bäumen — Gauchos genannt —, welche sich von den
längs der Küste stehenden unterscheidet. Die fünf bis sechs Bäume, aus denen
diese Gruppe besteht, sind nämlich so dicht zusammen gedrängt, dafs die Kronen
scheinbar ein Ganzes bilden und sich wie eine dunkle Masse abheben. Die
einzelnen Stämme der Bäume kann man vom Sehiffe aus nicht erkennen. Hierzu
würde eine gröfsere Annäherung erforderlich sein, als die Tiefenverhältnisse des
Fahrwassers gestatten. Oestlich von den Gauchos, deren Kronen, wie bemerkt,
ein grofses dichtes Bündel bilden, sind keine Baumgruppen mehr zu sehen.
1) Das von Kapt. Kamp eh] geführte Schiff „Adol/jh“ ist eine Brigg von 256 Registertonnen.
Der von Kapt. Kampelil benutzten spanischen Karte zufolge liegt die Mündung des
'Vüyti-Fhisses SWzW/sW mw. 12 Sm. von Punln ßasfi (ßan Antonio) und letzteres in 36° 19' S Br
und 56° 40' W-Lg.
Amt. *1. lljr.ir. etc,, ISSä, lieft VTf.
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