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kann die Abweichung in zwei Umständen begründet sein; einerseits kann bei
hohem Luftdruck, wo bekanntlich durch die verstärkte Strahlung und die geringe
Intensität der allgemeinen Strömungen die örtlichen Einflüsse stärker wirken,
ein bestimmter lokaler Gradient und Lokalwind sich einzustellen pflegen,
wodurch für diese Windrichtung der mittlere Luftdruck sich sehr hoch stellen
wird; es involvirt diese Voraussetzung nur, dafs die lokale Yertheilung der
durchschnittlichen Höhe der barometrischen Maxima in dieser Gegend eine
andere ist, als jene der Barometerschwankungen im Grofsen; andererseits kann
noch ein ferneres Moment in Präge kommen, welches durch obenstehende Fig. 2
erläutert wird. Wenn nämlich die mittlere Gröfse des Gradienten zwischen «
und b gröfser ist, als zwischen b und c — wie dieses sehr wohl der Fall sein
kann, wenn bc Festland und ab Meeresoberfläche ist — so wird der Luftdruck
in b höher sein, wenn der Gradient von c nach a, als wenn er von a nach c
gerichtet ist, auch wenn die mittlere Gröfse der Barometerschwankungen in
« und c dieselbe ist. Bis jetzt besitzen wir von den Ostküsten der Kontinente
barometrische Windrosen nur für sehr wenige Stationen, deren Ergebnisse zu
dem mit einander nicht sehr gut übereinstimmen; es läfst sich daher noch kaum
eine Vermuthung über die quantitative Bedeutung der so eben angeführten Mo
mente für die barometrische Windrose dieser Gegenden begründen.
Auf die verschiedene mittlere Höhe des Luftdrucks bei SW- und NE-
Winden ist vor einigen Jahrzehnten sehr viel Gewicht gelegt worden in der
Meteorologie; es wurde dieser Unterschied in Zusammenhang gebracht mit der
verschiedenen Temperatur des „Polarstroms“ und des „Aequatorialstroms“:
seitdem die synoptischen Karten uns täglich zeigen, dafs der niedrigste und
höchste Luftdruck nicht innerhalb einer bestimmten Strömung, sondern zwischen
den entgegengesetzten Strömungen liegen, und wir aus dem barischen Windgesetze
gelernt haben, dafs jede Luftströmung einen barometrischen Gradienten zwischen
ihrem vorderen und hinteren Ende und zwischen ihrer rechten und linken Seite
erfordert, ist diese Erklärung unstatthaft geworden; die neue, welche ich im
Jahre 1874 in der „Zeitschrift der Oesterr. Gesellsch. f. Meteorologie“ gegeben,
und im Vorstehenden mit Ergänzungen reproducirt habe, hat inzwischen noch
nicht Eingang in die Lehrbücher gefunden, wenn auch die ältere, mit den
Grundlagen der heutigen Meteorologie unvereinbare, aus denselben im Allge
meinen verschwunden ist; es wird eben die barometrische Windrose nur erwähnt,
aber unerklärt gelassen, ln jener älteren Erklärung ist gewifs die Betrachtung
im Allgemeinen richtig, dafs der Luftdruck in Luftströmungen, welche wärmer
sind als ihre Umgebung, sinken mufs; aber indem dabei das barometrische
Minimum nach der Seite der warmen Strömung sich verpflanzt, verschiebt sich
gleichzeitig das ganze System der Winde. Dove hatte diese Erscheinung der
Abnahme des Luftdrucks in südlichen Luftströmungen mit dem nach ihm genannten
„Drehungsgesetze des Windes“ und mit der barometrischen Windrose in Zusammen
hang gebracht, indem er das Fallen des Barometers bei SE als Folge davon
ansah, dafs diesem Winde der Regel nach SW folgt und dem letzteren der
niedrigste Luftdruck zukommt; allein das Barometer siukt ebenso rasch, wenn
das Wirbelcentrum südlich von uns vorübergeht und dem SE ein Ost und NE
folgt, nur kommt dieser Fall bedeutend seltener vor und tritt deshalb in den
Mittelwerthcn zurück. Die synoptischen Karten der Einzelzustände haben uns
alle diese Vorgänge in einem wesentlich anderen Lichte gezeigt, und deren
zusammenhängende statistische Bearbeitung ist geeignet, ungleich gröfsere Klarheit
in diese Fragen zu bringen, als es der einseitigen Auffassung der Witterungs
vorgänge vom isolirten Beobacbtnngspunkte aus je möglich gewesen wäre.