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Den während dieser Fahrten an der Westküste von Afrika und von
St. Vincent bis Bahia von dem Kommandanten aufgezeichneten Wahrnehmungen
antnehmen wir nach den Berichten desselben nachstehende Notizen,
i. Bemerkungen über die Rhede von Freetown und die Küste zwischen
Freetown und King Williams Town.
„Am 22, Februar d. J. ankerte S. M. S. „Victoria“ anf der Rhede von
Freetown. Beim Ansteuern derselben mufs man, von Westen kommend, das
Leuchtfeuer von Kap Sierra Leone südlicher als 0SO halten, um von dem un-
gefähr 1 Sm vom Kap entfernt liegenden Carpenter Rock frei zu bleiben und,
von Norden kommend, dasselbe Feuer südlicher als SSO'40O peilen, um im
Tief-Wasser zu bleiben,
Die Rhede von Freetown ist ziemlich geschützt; an ihrer offenen Nord-
seite liegt der sogenannte Middle Ground mit 2m Tiefe, wolcher die Dünung
zum grofsen Theil bricht, aber nicht gänzlich, so dafs die Schiffe, die auf der
Rhede liegen, doch in einem fortwährenden Rollen bleiben; trotzdem ist dies
doch wohl der beste Ankerplatz an der ganzen westafrikanischen Küste. Die
übrigen Rheden, die S. M. S. „Victoria“ an dieser Küste späterhin besuchte,
sind nämlich ganz offen und daher der stets herrschenden SW-Dünung voll-
kommen ausgesetzt. Die meisten Handelsplätze liegen an Flufßsmündungen, vor
denen sich flache Barren hinziehen. Es sind dies die einzigen Stellen an der
Küste, wo ein Landen der Boote einigermafsen bequem ist, vorausgesetzt, dafs
die Tiefe der Barre den Booten das Passiren gestattet, Da aber nun auf den-
selben immer viel Brandung steht, ebenso wie bei den ganz offenen Landungs-
stellen, so benutzen sämmtliche dort zu Anker liegenden Schiffe zur Kommuni-
kation mit dem Lande nicht ihre eigenen, sondern die dort üblichen Surfboote,
welche sich durch hohe Reling und grofse Tiefe auszeichnen,
Am 25. Februar Vormittags verliefsen wir Freetown und ankerten am
26. Februar Nachmittags vor Monrovia, am 5. März Vormittags vor Sinow und
an demselben Tage Nachmittags auf der Rhede von King Williams Town.
Es ist rathsam, bei dem Längsdampfen an der Küste sich mindestens
4 bis 5 Sm von derselben entfernt zu halten, da überall Felsen und Untiefen
vorliegen, oft noch 3 Sm vom Lande entfernt, und deren Lage theilweise ungenau
in den Karten verzeichnet ist. Ebenso mufs man beim Ansteuern der Rheden
sehr vorsichtig verfahren und sich womöglich durch Boote vorher einen geeig-
neten Ankerplatz auslothen. Der Ankergrund ist an der ganzen Küste ein im
Allgemeinen sehr guter.
Da wir noch am Ende der guten Jahreszeit uns an der Küste von
Liberia befanden, so hatten wir während des ganzen Aufenthaltes daselbst sehr
achönes Wetter mit den zu dieser Zeit regelmäfsig wehenden Land- und See-
winden.
Unmittelbar unter der Küste läuft der Guinea-Strom mit einer Stärke
von 0,5 Sm die Stunde, dagegen einige Seemeilen davon entfernt oft mit einer
Geschwindigkeit von 2 bis 3 Sm.“
2. Wind- und Stromverhältnisse auf der Reise von den Kap Verde’schen
Inseln bis Bahia im April 1881. ;
„Am 10. April Nachmittags verliefsen wir Porto grande und setzten unsere
Reise nach Bahia fort. Ich wählte die Reiseroute so, dafs wir auf ungefähr
26° bis 27° W-Lg den Aequator schneiden mufsten, da nach den Windkarten
und Segeldirektionen hier für diesen Monat die schmalste Stelle der Kalmen-
Zone sein mufßte. Die ersten vier Tage dieser Reise, bis auf 8° N-Br herunter,
wehte der Passat ganz gleichmäfsig aus NNE und NE; anfangs, in der Nähe
der Kap Verde’schen Inseln, noch mit einer Stärke von 6 bis 7 und dann all-
mählich abflauend bis auf 3 bis 4. Schon am 13. April Abends und am 14. April
trat eine Veränderung in der Bewölkung des Himmels ein; derselbe bezog sich
öfters gänzlich, wobei man deutlich zwei Wolkenschichten wahrnehmen konnte,
von denen die untere mit dem Winde, die obere dagegen aus südöstlicher
Richtung zog. Der Wind nahm auch am 14. April eine etwas östlichere Rich-
jung an und war sogar zeitweise ostsüdöstlich, jedoch noch immer mit einer
gleichmäfsigen Stärke von 3. Von 5° N-Br an, die wir am 15. April erreichten,