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Bis zum 11. April haben sich solche starke Erschütterungen nicht wieder-
holt, obgleich täglich Erdstöfse vorkamen,
Ueber die Erdstöfse vom 11.—16. und vom 19.-—27. April, die an Bord
der „Loreley“ beobachtet worden sind, macht Kapt.-Lieut. von Wietersheim
nachstehende Angaben.
„Am 11. April, 7" 40” a.m., erfolgte ein ziemlich starker Stofs und um
7» 15” p. m. ein sehr heftiger Stofs mit donnerähnlichem unterirdischem Getöse,
aus Südost kommend; das Schiff (im Binnenhafen von Kastro) erzitterte in allen
seinen heilen. In der Stadt selbst erfolgten neue Einstürze der noch stehenden
Mauern, Diesem Stofse von 4 Sekunden Dauer folgten in einer Stunde allein
27 schwächere Stöfse (durch Seismometer gezählt), jedoch ohne Getöse, aber
alle mit undulatorischer Bewegung.
In den zwölf nächsten Stunden nach diesem heftigen Stofse, bis 7" a. m.
am 12, April, beobachtete Prof. Christomanos mit seinem Seismometer nicht
weniger als 68 Stöfse, von denen 8—10 % die Richtung von Ost nach West, die
übrigen aber die Richtung von Südost nach Nordwest hatten.
In der Nacht vom 19. zum 20. April’) (am 19. April 6" p. m. war
„Loreley“ von Smyrna aus wieder in Kastro eingetroffen) wurden an Bord der
„Loreley“ von 11" p.m. bis 1* 5” a.m, 42 undulatorische Stöfße mit und auch
ohne Getöse, von Südost kommend, durch das Seismometer verzeichnet. In den
Tagen vom 20, bis 26. April wiederholten sich fast jeden Tag abwechselnd
leichte und stärkere Erdstöfse, aber ohne besonderen Schaden anzurichten.“
Die starken Erdstöfse vom 3. April machten sich in einem Erschütterungs-
kreise von ca 10 Sm, ca 2 Sm östlich von Kap St. Helena aus geschlagen,
geltend; dieser umfafste den ganzen mittleren und östlichen Theil der Insel
Chios und die gegenüberliegende weit nach Westen vorspringende jonische
Halbinsel Krythrae mit der Stadt Tschesme,
Die geologische, durchaus nicht vulkanische Formation von Chios schliefst
einen vulkanischen Ursprung dieses Erdbebens aus. Dieser dürfte vielmehr
nach der übereinstimmenden Ansicht des Geheimen Ober-Bergrath vom Rath
und des oben erwähnten Prof. Christomanos, die beide den Schauplatz des
Erdbebens besucht hatten, in unterirdischen Verwerfungen oder Erdrutschungen,
also in ruckweisen Lageveränderungen der unterirdischen Gesteinsmassen zu
suchen sein, sei es infolge von Auswaschungen, oder hervorgerufen durch ein
Zusammensintern der zwischen radialen Erdspalten eingeklemmten Gesteinsmassen
unterhalb des erwähnten Erschütterungsgebietes.
Der österreichische Geologe Prof. Dr. Teller aus Wien hat im vorigen
Jahre die geologische Beschaffenheit der Insel Chios näher untersucht. Hiernach
wird die Insel von Süd nach Nord durch den Hauptbergzug des Provato durch-
schnitten, welcher zum gröfsten Theile aus grauem, magnesiahaltigem Kalkstein
gebildet ist. In dem nördlichen Theile dieses Kalkgebirges befinden sich auch
die höchsten Erhebungen der Insel. Die frei aufragenden Berggipfel mit ihren
schroffwandigen Abstürzen und mächtigen Schuttvorlagen, sowie die in das
Gebirge tief einschneidenden, von steilen Gehängen begrenzten Thalfurchen
erinnern, nach Teller, vielfach an alpine Landschaftsbilder. Einen ähnlichen
Charakter tragen die nach Süden auslaufenden Höhenzüge, welche in mehreren
nord—südlich verlaufenden Parallelkämmen durch den isthmusartig verengten
mittleren Theil der Insel sich fortsetzen. Weiter nach Süden, wo das Land
wieder an Breite gewinnt, nimmt das Kalkgebirge rasch wieder an Höho ab
und verläuft in das flachwellige, von rundkuppigen Bergreihen durchzogene
Terrain der südwestlichen Küstengebiete. An dieses, die Hauptmasse der Insel
Chios bildende Kalkgebirge schliefßsen sich im Nordwest und im Südost Gebiete
von ganz abweichend physiognomischem Charakter an, und zwar im NW ein aus-
gedehntes Schiefer-Sandstein-Terrain, die „montes amanei“ mit ihren noch immer
zu ansehnlichen Höhen ansteigenden nördlichen Vorlagerungen und dem sanfteren
ebenso ist der Nordtheil und der Südwesttheil der Insel gänzlich unbeschädigt geblieben. Der haupt-
sächlichste durch das Erdbeben in den von ihm heimgesuchten "Theilen der Insel besteht in dem
Verluste von ca 8000 Häusern, sowie von Mobilien im Werthe von 2000000 Pfund türkisch. Der
Verlust an Menschenleben beträgt ca 6000, ferner 2000 Verwundete.
!) In der Zeit vom 12. bis 19. April verweilte die „Loreley“ auf den Reisen nach Smyrna
und zurück nach Chzos und von da nach TZschesme,