15. Bei Kap Wilezek, Franz Josef-Land, Lieut. K. Weyprecht, 1872/74. !)
79° 51‘ N-Br, 58° 47‘ O-Lg.
In dem ersten Winter 1872/73 konnten keine regelmäfsigen Beobachtungen
les Anwachsens des Eises gemacht werden, „weil das ganze Eisfeld aus einem
zusammengefrorenen Trümmerhaufen bestand, der fortwährend wieder zerlegt
wurde“, Am 3. Dezember 1872 (oder 13 [?] s. a. a. O. pag. 56) wurde während
einer Dauer von 66 Stunden die Dicke des neugebildeten Eises zu 0,19m ge-
messen, bei einer Temperatur von ca — 30° C.
In dem zweiten Winter, 1873/74, wurde mit dem Beginn jedes Monats
die Dicke einer besonders hierzu bestimmten Platte von jungem Eise gemessen;
bei dem plötzlichen Aufbruche der Expedition im Sommer 1874 zur Rückreise
sind durch einen unglücklichen Zufall die Beobachtungen über die Eisverhältnisse
in den Monaten Februar, März, April und Mai verloren gegangen. Die in den
Monaten September, Oktober und November 1873 (seit September 1) gemessene
Eisdicke nebst der durchschnittlichen Monatstemperatur (°C.) war: Sept. 30:
0,33m (—4,2), Okt. 31: 0,67m (—17,4), Nov. 30: 0,98m (—26,5), woraus sich
vom 1. September bis 1. Dezember eine Zunahme der Dicke des Eises um
ca Im ergiebt. Am 3. Januar 1874 wurde die Dicke des Eises nur zu 1,05m
gefunden; diese „so. geringe Zunahme derselben im Monat Dezember läfst
auf einen Beobachtungsfehler schliefsen“, und ist deshalb diese Messung als zu
unsicher zu verwerfen. Am 31. Mai 1874 betrug die Dicke des Eises noch
1,90m, während die Gesammtsumme der Tagesmittel der Temperaturen vom
l. September 1873 bis 31. Mai 1874 —5380° C. (= —4304° R.){war, also die
durchschnittliche Temperatur während dieser Zeit —19,8° €. betrug (vgl. unten
Tabelle II, No. 6).
Endergebnisse
aus diesen und anderen gleichartigen Messungen und Beobachtungen.
i. Die Dicke des Eises erreicht innerhalb der Dauer eines arktischen
Winters (September bis inkl. Mai, d. s. diejenigen Monate, deren mittlere
Temperaturen unter 0° und deren Maxima nur bis wenige Grade über 0° be-
tragen) in maximo eine Mächtigkeit von 1—2,3m.,
2. Dieser Unterschied in der Maximaldicke des Eises rührt für die
einzelnen Beobachtungsorte nicht allein von ihrer niedrigeren oder höheren
Wintertemperatur, als auch in vielen Fällen von lokalen hydrographischen und
meteorologischen Verhältnissen her (vgl. sub 12), An allen denjenigen Orten
nämlich, bei welchen, ähnlich wie in der hohen See, das Wasser tiefer und in
fortwährender Bewegung ist (so z. B. Discovery-Bucht, No. 12, Melville-Bucht
und Meer von da bis zur Davis-Strafse, No. 13), ist die Eisdecke weniger
dick, als in geschlossenen Häfen und Buchten, wo die Strömungen und Gezeiten
des Meeres unbedeutend oder verschwindend klein sind (so z. B. in Serdze kamen
(No. 1), Camden-Bai (No. 2), Assistance-Bai (No. 7), Boothia felix (No. 9),
Floeberg- Beach (No. 11). Nun haben Floeberg-Beach und Discovery-Bucht nahezu
gleiche Wintertemperaturen, nämlich im Mittel —38° C; an jenem geschützteren
Orte ist aber die Maximaldicke des neugebildeten Eises 2m, an diesem gegen
die See zu offeneren nur 1m.
Der Einfluß der kalten Polarströmung zeigt sich recht deutlich bei den
Eisverhältnissen, welche Kapt. Koldewey bei der Sabine -Insel (No. 14)
1869/70 vorfand, im Vergleich zu den von der Vega-Expedition 1875/76 bei
Serdze kamen angetroffenen. Die mittlere Wintertemperatur (September bis Mai)
betrug an letzterem Orte —18° C. und an ersterem —16°, die gröfste Eisdicke
aber war Ende Mai 1,5m zu Serdze kamen, ohne Einflufs einer kalten Strömung,
und 2m bei der Sabine-Insel, welche dem kalten Polarstrom völlig ausgesetzt ist.
3. Für die Zunahme (der Dicke des Eises von Anfang seiner Bildung
bis zum Zeitpunkt der gröfsten Dicke innerhalb eines Jahres, bezw. des ersten
Winters, läfst sich noch keine bestimmte Regel aufstellen, theils wegen der
zu geringen Anzahl der einschlägigen Beobachtungen, theils wegen der den
letzteren noch anhaftenden Ungenauigkeiten, und vor Allem wegen der ver-
5) K. Weyprecht: Die Metamorphosen des Polareises, 1879, pag. 132-—185.