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DIE EINSEGELUNG. Da die Einsegelungs-Richtung SEzE ist, so sollten
Schiffe bei Stürmen aus SW und SSW schon deswegen nicht an das Einsegeln
denken, weil ein Wenden oder Halsen in dem engen Seegat unmöglich ist. Der
Küstenstrom geht bei diesem Winde quer über das Seegat nach Norden, und das
Schiff setzt sich der Gefahr aus, auf der Nordmole oder nördlich davon zu
stranden.
Dagegen können Schiffe von nicht mehr als 4m Tiefgang bei West-,
NW- und nördlichen Winden auch ohne Lootsen einsegeln, wenn sie bemerken,
dass die kleinen Baken nicht umgelegt sind. Zum Zeichen, dass die Einsegelung
stattfinden kann und vom Lande aus dirigirt werden wird, ist an der Wink-
bake eine rothe Flagge aufgezogen. Das Schiff muss alsdann in die Baken-
linie SEzE steuern und darauf achten, nach welcher Seite die rothe. Flagge
geneigt wird. Nach dieser Richtung hin muss es den Kurs ändern und geradezu
auf die Baken halten, wenn die Flagge aufrecht steht. Das Schiff muss gut
Segel, und besonders Vorsegel, führen, damit es besser dem Ruder gehorcht
und wieder vor den Wind kommt, falls es eine See aus dem Kurse werfen
sollte. Es kann dabei die Ansegelungstonne auf beiden Seiten passiren. 600m
von derselben entfernt liegen zu beiden Seiten der Bakenlinie je eine stumpfe
Tonne, ca. 170m von einander; nördlich eine weisse auf 7%, südlich eine
schwarze auf 8m Wassertiefe. Das Schiff passirt zwischen diesen beiden
Tonnen und .kommt nun in das eigentliche Seegat. In demselben liegen für
gewöhnlich zur Bezeichnung der Grenze, welche nicht überschritten werden soll,
auf einander folgend, nördlich von der Bakenlinie vier weisse Treibbaken
(Pricken) mit weissen Fähnchen, südlich von der Bakenlinie vier schwarze
mit Besen. Hat das Schiff die schmale Rinne mit den acht Treibbaken passirt,
so befindet es sich auch innerhalb der Nordmole und ist aus der gefährlichen
Brandung heraus, und auf tieferes Wasser gekommen. Es setzt nun den Kurs
in der Bakenlinie längs der Nordmole zunächst noch fort und muss seine
Fahrt vermindern, damit das Lootsenboot anlegen kann, welches hier das Schiff
erwartet. Der an Bord kommende Lootse wird dann dem Schiffe im Tief
den Ankerplatz anweisen.
Das Einwinken mit der Winkbake kann nur immer einem Schiffe gelten,
und zwar demjenigen, welches dem Seegat am nächsten ist. Es dürfen daher
nicht zwei Schiffe, oder mehr, gleichzeitig einsegeln wollen, indem daraus ein
verhängnissvoller Irrthum entstehen kann.
Sollte ein.nach Memel bestimmtes Schiff bei unsichtigem Wetter plötzlich
Land in nächster Nähe in Sicht bekommen, so kann es leicht erkennen, ob es
nördlich oder südlich von Memel steht. Ist.das Land bewaldet, so befindet es
sich nördlich von Memel, sind es aber kahle Dünen, so befindet es sich südlich,
an der Nehrung. In letzterem Falle kann es vorkommen, dass die Mühlen der
Schmelz und der grosse Bootsschuppen auf der Nehrung eher gesehen werden,
als die Thürme der Stadt.
Im Spätherbst wird die Betonnung des Seegats aufgenommen und durch
Winterseezeichen ersetzt.
Memel ist für jeden gangbaren Artikel ein guter Ausrüstungshafen, Alle
Reparaturen an Schiffen werden hier ausgeführt, ein Dock und eine grössere
Maschinenbau-Anstalt giebt es jedoch nicht. Das Trinkwasser, welches recht gut
ist, müssen die Schiffe in Fässern oder leeren Booten aus der Dange oberhalb
der Stadt holen; doch ist auch ein Wasserprahm vorhanden, aus welchem gegen
Bezahlung das Wasser entnommen werden. kann. Bei anhaltend eingehendem
Strom tritt das Brackwasser auch in die Dange ein, und es ist dann keine geeignete
Zeit zum Wasserholen, wenn man nicht sehr weit den Fluss hinauf fahren will.
Seedampfer betheiligten sich bis 1875 wenig an dem Verkehr Memels,
nur mit Stettin bestand directe Dampfschifffahrt, Die Stadt hat seit den letzten
Jahren Bahnverbindung mit Königsberg und Russland. Bis dahin fand der
Gütertransport nach und aus dem Binnenlande vorzugsweise auf Flussfahrzeugen
statt. Den Personenverkehr nach Tilsit, Labiau und Königsberg über das Haff
vermitteln Dampfboote. Im Sommer geht ein solches des Morgens von Memel
nach Cranzbeck am südwestlichsten Theile des Haffs und kehrt des Mittags von
dort nach Memel zurück. In Cranzbeck und Königsberg vermitteln Eilwagen
den Anschluss an dieses Dampfboot.
Deutsche Küste des mittleren Theils der Ostzec. (Seita 9—20.1