Die eigentliche Stadt Memel, die Altstadt, liegt am linken Dange - Ufer;
sie ist nach dem grossen Brande des Jahres 1855 fast ganz neu aufgebaut. An
Jjem rechten Dange-Ufer liegt die Neustadt; an diese schliesst sich in nördlicher
Richtung der Flecken Bommels-Vitte an. Nach dem Tief zu liegt vor der Altstadt
eine kleine Citadelle mit Erdwällen und nach Süden zu eine Reihe von Ort-
schaften und Niederlassungen, welche „die Schmelz“ genannt werden. Altstadt
ınd Neustadt sind durch zwei Brücken mit einander verbunden, welche Joche
zum Durchlassen der Schiffe haben. Oberhalb der Brücke befinden sich an der
Dange auch einige Schiffbauplätze; allein der Schiffbau liegt ganz arnieder, er
war in früherer Zeit bedeutender,
Das ganze rechte Ufer des Tiefs vor Bommels-Vitte, der eigentlichen
Stadt Memel und vor der Schmelz ist durch die Ballastplätze, durch Holzhäfen
und Holzplätze mit Sägemühlen in Anspruch genommen, Neben der Dange-
Mündung liegt auch eine Schiffswerft mit Kielgraben.
Charakteristisch für die Schmelz sind 15 Säge- (Wind-) Mühlen, welche in
einer langen Reihe am Ufer des Tiefs stehen, und die dazu gehörigen Holzlager.
Fast vor jedem der letzteren befinden sich kleine Ladebrücken; ist an denselben
die Wassertiefe ausreichend, so legen die Schiffe zum Laden dort direct an, wo
nicht, so wird durch Prähme die Ladung von dort an die in nächster Nähe
auf tieferem Wasser verankerten Schiffe gebracht.
Der Ballast, mit welchem eine grosse Anzahl Schiffe einlaufen, wird an
zwei verschiedenen Plätzen gelöscht. Der schon erwähnte neue Ballastplatz ist
der nördlichste und äusserste Anlegeplatz für Schiffe; der alte Ballastplatz liegt
züdlicher, vor dem Winterhafen, Es ist an beiden Plätzen so tiefos Wasser,
dass jedes Schiff anlegen kann. Am alten Ballastplatz befindet sich auch die
Lootsen-Station, der Lootsen-Bootshafen, der Mast für die Sturmsignale und
gin Zollwachthaus. .
Beim ‚neuen Ballastplatze liegt die Navigationsschule, ein grosses rothes
Gebäude; ferner ein Schuppen für Rettungs-Boote und Geräthe. Hier geht
auch das Kabel durchs Tief zur telegraphischen Verbindung mit dem auf der
Nehrungsspitze gelegenen Küstenfort. Weisse Warnungstafeln an beiden Ufern
machen bekannt, dass kein Schiff an dieser Stelle des Tiefs ankern soll. Am
neuen Ballastplatze nimmt die Granitböschung ihren Anfang, welche das Tief
in einer sanften Curve nach See zu einfasst und am Leuchtthurm vorbei in die
Nordmole übergeht.
Die Nordmole bestand ursprünglich aus einem Steindamm von
geringer Höhe. Dieser Damm hatte wenig Widerstandsfähigkeit; späterhin
wurde auf diesem Unterbau ein fester Molenke per mehrere Meter hoch mit
rerticalen Seitenwänden und einer Plattform aus Granit, mit Cement verbunden,
errichtet. Die Mole ist noch nicht fertig ausgebaut und soll sich noch weiter
in See hinaus erstrecken.
Längs der Nordmole ist wohl überall tiefes Wasser, doch wachen die
das Fundament bildenden unregelmässig davor liegenden grossen Steine eine
allzugrosse Annäherung beim Einsegeln in das Tief gefährlich.
Das }inke Ufer des Memeler Tiefs wird von der Curischen Nehrung gc-
bildet, welche nur aus Dünensand besteht. Um das Tief gegen den Sand der
Dünen zu schützen, wird grosse Mühe darauf verwandt, die Dünen zu bepflanzen.
Gegen das Abspülen der Nehrung durch den Strom ist das Ufer durch eino
kleine Steinböschung geschützt. Letztere nimmt der alten Citadelle gegenüber
ihren Anfang und schliesst sich beim neuen Küstenfort an die Südmole an,
welche die Spitze der Nehrurg einfasst und unter einem stumpfen Winkel
nach NW &abbiegt. An der Nehrung hat das Tief in seinem unteren Theile
Aacheres Wasser, als wie am gegenüberliegenden Ufer und giebt für Haff- und
Strom-Fahrzeuge eine gute Rhede ab. Es sind hier auch zwei Bootshäfen vor-
handen, einer beim Küstenfort für die Fortification, der andere der Dange-
Mündung gegenüber beim sogenannten Sandkruge, einem auf einer Düne hoch
gelegenen einzelnen Gebäude. Zwischen diesem letzten Bootshafen und der
Dange-Mündung ist regelmässige Fährverbindung.
Die Südmole bestand bis zum Jahre 1875, wie früher die Nord-
mole, nur aus einem Steindamm, der wenig aus dem Wasser hervorragte; seit-
dem wird auch sie mit einem festverbundenen Oberbau versehen. Die Süd-