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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 5 (1877)

Die eigentliche Stadt Memel, die Altstadt, liegt am linken Dange - Ufer; 
sie ist nach dem grossen Brande des Jahres 1855 fast ganz neu aufgebaut. An 
Jjem rechten Dange-Ufer liegt die Neustadt; an diese schliesst sich in nördlicher 
Richtung der Flecken Bommels-Vitte an. Nach dem Tief zu liegt vor der Altstadt 
eine kleine Citadelle mit Erdwällen und nach Süden zu eine Reihe von Ort- 
schaften und Niederlassungen, welche „die Schmelz“ genannt werden. Altstadt 
ınd Neustadt sind durch zwei Brücken mit einander verbunden, welche Joche 
zum Durchlassen der Schiffe haben. Oberhalb der Brücke befinden sich an der 
Dange auch einige Schiffbauplätze; allein der Schiffbau liegt ganz arnieder, er 
war in früherer Zeit bedeutender, 
Das ganze rechte Ufer des Tiefs vor Bommels-Vitte, der eigentlichen 
Stadt Memel und vor der Schmelz ist durch die Ballastplätze, durch Holzhäfen 
und Holzplätze mit Sägemühlen in Anspruch genommen, Neben der Dange- 
Mündung liegt auch eine Schiffswerft mit Kielgraben. 
Charakteristisch für die Schmelz sind 15 Säge- (Wind-) Mühlen, welche in 
einer langen Reihe am Ufer des Tiefs stehen, und die dazu gehörigen Holzlager. 
Fast vor jedem der letzteren befinden sich kleine Ladebrücken; ist an denselben 
die Wassertiefe ausreichend, so legen die Schiffe zum Laden dort direct an, wo 
nicht, so wird durch Prähme die Ladung von dort an die in nächster Nähe 
auf tieferem Wasser verankerten Schiffe gebracht. 
Der Ballast, mit welchem eine grosse Anzahl Schiffe einlaufen, wird an 
zwei verschiedenen Plätzen gelöscht. Der schon erwähnte neue Ballastplatz ist 
der nördlichste und äusserste Anlegeplatz für Schiffe; der alte Ballastplatz liegt 
züdlicher, vor dem Winterhafen, Es ist an beiden Plätzen so tiefos Wasser, 
dass jedes Schiff anlegen kann. Am alten Ballastplatz befindet sich auch die 
Lootsen-Station, der Lootsen-Bootshafen, der Mast für die Sturmsignale und 
gin Zollwachthaus. . 
Beim ‚neuen Ballastplatze liegt die Navigationsschule, ein grosses rothes 
Gebäude; ferner ein Schuppen für Rettungs-Boote und Geräthe. Hier geht 
auch das Kabel durchs Tief zur telegraphischen Verbindung mit dem auf der 
Nehrungsspitze gelegenen Küstenfort. Weisse Warnungstafeln an beiden Ufern 
machen bekannt, dass kein Schiff an dieser Stelle des Tiefs ankern soll. Am 
neuen Ballastplatze nimmt die Granitböschung ihren Anfang, welche das Tief 
in einer sanften Curve nach See zu einfasst und am Leuchtthurm vorbei in die 
Nordmole übergeht. 
Die Nordmole bestand ursprünglich aus einem Steindamm von 
geringer Höhe. Dieser Damm hatte wenig Widerstandsfähigkeit; späterhin 
wurde auf diesem Unterbau ein fester Molenke per mehrere Meter hoch mit 
rerticalen Seitenwänden und einer Plattform aus Granit, mit Cement verbunden, 
errichtet. Die Mole ist noch nicht fertig ausgebaut und soll sich noch weiter 
in See hinaus erstrecken. 
Längs der Nordmole ist wohl überall tiefes Wasser, doch wachen die 
das Fundament bildenden unregelmässig davor liegenden grossen Steine eine 
allzugrosse Annäherung beim Einsegeln in das Tief gefährlich. 
Das }inke Ufer des Memeler Tiefs wird von der Curischen Nehrung gc- 
bildet, welche nur aus Dünensand besteht. Um das Tief gegen den Sand der 
Dünen zu schützen, wird grosse Mühe darauf verwandt, die Dünen zu bepflanzen. 
Gegen das Abspülen der Nehrung durch den Strom ist das Ufer durch eino 
kleine Steinböschung geschützt. Letztere nimmt der alten Citadelle gegenüber 
ihren Anfang und schliesst sich beim neuen Küstenfort an die Südmole an, 
welche die Spitze der Nehrurg einfasst und unter einem stumpfen Winkel 
nach NW &abbiegt. An der Nehrung hat das Tief in seinem unteren Theile 
Aacheres Wasser, als wie am gegenüberliegenden Ufer und giebt für Haff- und 
Strom-Fahrzeuge eine gute Rhede ab. Es sind hier auch zwei Bootshäfen vor- 
handen, einer beim Küstenfort für die Fortification, der andere der Dange- 
Mündung gegenüber beim sogenannten Sandkruge, einem auf einer Düne hoch 
gelegenen einzelnen Gebäude. Zwischen diesem letzten Bootshafen und der 
Dange-Mündung ist regelmässige Fährverbindung. 
Die Südmole bestand bis zum Jahre 1875, wie früher die Nord- 
mole, nur aus einem Steindamm, der wenig aus dem Wasser hervorragte; seit- 
dem wird auch sie mit einem festverbundenen Oberbau versehen. Die Süd-
	        
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