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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 5 (1877)

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Der Nordwestwind, welchen wir bei Ushant trafen, schralte allmählich ab, 
und wir hatten darauf in etwa 45° 45‘ Nord-Br. einen starken Sturm aus SW, 
welcher zwei Tage anhielt. Am 22. Mai Nachmittags wurde der Wind böen- 
artig und hatte um Mitternacht bis zur Stärke 2 abgenommen; er drehte dann 
nach WNW mit stetiger Brise, wurde. bald wieder flauer und wehte am 23, 
Morgens schon aus Nord; alsdann, nordöstlich gehend, frischte er wieder auf 
und wies sich nach und nach als frischer portugiosischer Nord aus. 
Hier handelte es sich nun darum, ob wir den Weg westlich oder östlich 
von Madeira wählen wollten. Allgemein steuert man jetzt westlich von Madeira, 
da die innere Route einen schlechten Ruf erhalten hat, weil man sie in 
früheren Zeiten ausschliesslich benutzte und dabei natürlich im Winter schlecht 
fahren musste. Ich muss gestehen, dass ich im Sommer immer noch eine ge- 
wisse Vorliebe für die östliche (innere) Route hege, weil, je weiter vom Gebiet 
des hohen Luftdrucks entfernt, desto stetiger die Brisen angetroffen werden, 
vorausgesetzt dass man nicht zu nahe ans Land komme, wo locale Einflüsse 
störend auftreten. 
Wir richteten unseren Kurs gerade auf Madeira mit dem Vorhaben, je 
nach den Umständen westlich oder östlich davon zu steuern, Zwischen 38° und 
36° Nord-Br. und 13° bis 14° West-Lg. hatten wir mit frischem Nord- und 
Nordost-Winde häufig Blitze und Donner östlich von uns. Es schien, als wenn 
hier eine Ausgleichung der Luftmassen des Nordens mit jenen der grossen Bucht 
vor der Strasse von Gibraltar vor sich ginge. Besagte Bucht hat ihre eigenen 
Windverhältnisse, was Mittelmeerfahrern hinreichend bekannt ist, die daher auch 
nicht versäumen, beim Passiren des Caps St. Vincent sich auf eine Windänderung 
einzurichten. 
Bei unserer Annäherung an Madeira holte der Wind nordwestlich und 
wir steuerten östlich von dieser Insel weg, erblickten Porto Santo am 28. Mai 
und passirten am folgenden Tage die Desertas, während Madeira in einem 
Wolkenschleier gehüllt unseren Blicken verborgen blieb, Der Luftdruck war 
beim ersten Durchkommen des Nordwindes in 44’/2° Nord-Br. am höchsten, 
nämlich 771.2", und sank ziemlich rasch wieder auf 760,3". unweit Porto Santo, 
hob sich dann südlich von den Desertas wieder auf 762.3", um aber am nächsten 
Tage, nördlich von den Piton Felsen auf 758.5" zu sinken, wobei der Wind, 
welcher bei dem zuletzt angegebenen Barometerstande SW war, allmählich west- 
licher ging. 
Hier haben wir es nun mit einer Luftdruckabnahme zu thun, die sich 
meiner Meinung nach noch weiter westlich erstrecken wird; der Windrichtung 
zufolge stand das Minimum nordwestlich von uns. Um nun zu wissen, ob eine 
westlichere Stellung besser zur Fortsetzung der Reise gewesen wäre, müssten 
wir etwas über den Verlauf derartiger barometrischer Minima in dortiger 
Gegend wissen, was aber bis jetzt leider noch nicht der Fall ist. So vermag 
man denn schwerlich zu sagen, ob wir durch die Umsegelung von Madeira an 
der Ostseite gewonnen oder verloren haben, letzteres würde der Fall gewesen 
sein, wenn die Luftdruckabnahme zwischen Madeira und den Canaren local auf- 
getreten wäre, denn in diesem Falle würde man weiter westlich im Stande ge- 
wesen sein, mit frischen nördlichen Winden die Reise schneller fortzusetzen. 
Wir fanden eine schnelle Windänderung und am Abend desselben Tages, 
an welchem der niedrige Luftdruck beobachtet wurde, kam sehon frischer Passat 
durch, mit welchem das Barometer bis auf 767.6" in 24'/%° Nord-Br. stieg 
und dann in der Region des Passats regelmässig zu sinken begann. Von hier 
an folgten wir der Segelanweisung des Herrn v. Freeden und fuhren gut dabei. 
Die Gegend des Atlantischen Oceans zwischen dem Aequator und 10° 
Nord-Br. und 20° bis 30° West-Lg., für welche ich als interessante Thatsache 
nur anführen möchte, dass geringe barometrische Unterschiede hier bedeutend 
stärkere Brisen zur Folge haben, als in höheren Breiten, ist durch die Unter- 
zuchungen Toynbee’s!) so genau erforscht, dass aus vereinzelten Beobachtungen 
wohl kaum ein genaueres Resultat erzielt werden könnte. Es fehlen aber leider 
hier, wie fast überall auf dem Ocean, fortlaufende Untersuchungen des Wetters, 
die uns über die locale Aufeinanderfolge der Veränderungen Aufklärung liefern. 
) Vel. „Ann, d. Hydr.“ ete., 1876, pag. 376 £#.
	        
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