Nautische Veröffentlichungen
Kpt. Dipl.-Ing. Ulrich Schaefer
Einleitung
Für den Seemann an Bord wäre es im Rahmen seiner navigatorischen Aufgaben
von großem Vorteil, wenn er alle für eine sichere Schiffsführung wichtigen nautisch-
hydrographischen Gegebenheiten aus den Seekarten ersehen könnte. Aus Gründen
der Übersichtlichkeit muß aber selbst in einer mehrfarbigen, großmaßstäbigen Karte
der Umfang an Informationen begrenzt werden; auch entzieht sich vieles für den
Seefahrer Wissenswerte einer zeichnerischen Darstellung. Die das Fassungsvermögen
der Seekarte sprengenden, von dem Nautiker aber benötigten Angaben sind aus
diesem Grund in den Seebüchern enthalten.
Während die frühen Seekarten bis in das 18. Jahrhundert hinein lediglich Ergän-
zungen der geschriebenen Segelanweisungen darstellten, bilden die neueren Karten
zusammen mit den Seebüchern ein geschlossenes Informationssystem, das durch
einen speziellen Nachrichtendienst laufend auf aktuellem Stand gehalten wird. Das
amtliche Nachrichtenwesen und die Seebücher bezeichnet man zusammengenommen
als „Nautische Veröffentlichungen‘“.
Im folgenden werden die „Nautischen Veröffentlichungen“ einzeln aufgeführt
ınd beschrieben.
Das Seehandbuchwerk
Die Seehandbücher sind diejenigen nautisch-hydrographischen Veröffentlichun-
gen, deren historische Entwicklung am weitesten zurückreicht und. deren Wurzeln in
den aus den Mittelmeerländern stammenden alten Seewegbeschreibungen für die
küstennahe Schiffahrt zu suchen sind. Bereits für das 4. vorchristliche Jahrhundert
lassen sich derartige tradierte Anweisungen belegen. Die Grundlage bildeten die
Beobachtungsgabe und ein seit Generationen gewachsener Erfahrungsschatz der
Seeleute. Wasserverfärbungen als Warnung vor Untiefen, markante Küstenpunkte
und Distanzangaben nach Tagesreisen waren die wichtigsten Orientierungshilfen.
Später machten das Lot zur Ermittlung der Wassertiefe und der Magnetkompaß für
die Richtungsfindung genauere Angaben möglich. Die frühesten gedruckten Segelan-
weisungen für die deutsche Küste findet man im „Niederdeutschen Seebuch“ aus
dem 15. Jahrhundert; in diesem Werk wurden der Küstenverlauf, die Häfen, Entfer-
nungen, Wassertiefen, Kurse, Landmarken usw. ausführlich beschrieben. Diese alten
Segelanweisungen waren von zentraler Bedeutung für die Schiffsführung, da den
damaligen Seekarten eine genau vermessene Küstenlinie noch fehlte und die vorgela-
gerten Seegebiete nicht wirklichkeitsnah wiedergegeben wurden. Das änderte sich
erst, als mit der Entwicklung von Präzisionsinstrumenten und exakten Vermessungs-
verfahren in der Mitte des 18. Jahrhunderts die Zeit der auf mathematischer Grund-
lage bearbeiteten Karten begann.
Die vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts von verschiedenen der Schiffahrt
nahestehenden Persönlichkeiten privat herausgegebenen Segelanweisungen enthiel-
ten noch zusammengefaßt alles, was in den Seekarten nicht darzustellen war. Im
Laufe der Zeit machten es aber die Veränderungen im Seewesen nötig, aus dem