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Wir beschlossen denn auch einen für Ostindienfahrer extrem westlichen
Schnitt der Linie, in etwa 28° West-Lg. und steuerten schon in den nächsten
Tagen ‘nach‘ dem Verlassen von St. Helena einen etwas westlicheren Kurs als
verschiedene Mitsegler. Der Südost - Passat war sehr flau, so dass wir bis
1° 51‘ Süd-Br. und 26° 11‘ West-Lg. 14 Tage gebrauchen mussten. Alsdann
wurde es‘ sogar fast ganz still und Anzeichen vom Beginne der Windstillen
braten ein. Nach einem eigens aus Tyssens Patentlogge nach Robinson’schen
Princip construirten Anemometer betrug die Windgeschwindigkeit mit Berück-
zichtigung der Segelung von St. Helena bis’zu oben genannter Stellung nur
Jurchschnittlich 5.0 Met. per Sekunde.
Wie ausserordentliche Abweichungen mitunter in der Richtung der Passat-
winde vorkommen, zeigt eine Notiz in dem St. Helena Almanac, nach welcher
dort im Jahre 1718 ein drei Wochen unausgesetzt anhaltender Nordwestwind
wehte und grosse Sterblichkeit unter Weissen und Farbigen zur Folge hatte.
Die Jahreszeit des Auftretens eines so ungewöhnlichen Windes von derartiger
Dauer ist nicht angegeben, doch bin ich geneigt, anzunehmen, dass es im süd-
‘ichen Hochsommer gewesen ist. Der Almanac macht noch die Bemerkung,
dass so etwas vorher nie passirt sei, auch in den Notizen über spätere Jahre
ündet .sich keine Wiederholung jener auffallenden Erscheinung. — In. Betreff
der Windstärken auf St: Helena wird angeführt, dass die schwächsten Winde
im April und Mai vorkommen, worauf eine allmälige Zunahme derselben bis
November und dann wieder eine Abnahme bis zu den erstgenannten Monaten
eintritt; der Unterschied zwischen Maximum und Minimum soll sich nahezu wie
2:1 verhalten. Der monatliche mittlere Winddruck wird nach Oslers’s Anemo-
meter zu l1.os Pfd. per Quadratfuss engl. angegeben, welches einer mittleren
Windgeschwindigkeit von 15 bis 16 Seem. per Stunde entspricht, und wonach,
Jer obigen Proportion zufolge, das mittlere Maximum 10.6 und das mittlere
Minimum 5,3 Met. per Sekunde Windgeschwindigkeit aufweist. Wir fanden
nach unserem Instrumente am Tage vor der Erreichung von St. Helena, also
vom 1. bis 2. Januar, 6.5 und am Tage nach dem Verlassen der Insel, vom
3, bis 4. Januar, 5.5 Met. per Sekunde als mittlere Windgeschwindigkeit.
Unsere für Januar gewiss noch berechtigte Hoffnung bis zum Aequator
noch brauchbaren Südost - Passat zu behalten, ging leider nicht in Erfüllung,
Schon von 3° Süd-Br. an zeigte uns das Aussehen der Wolken und eine durch-
einander: gehende Dünung die Nähe der Mallungen an. Am 17. Januar in
1° 51‘ Süd-Br. wurde. es flau, und in der darauf folgenden Nacht hatten wir
schon Blitz, Donner und Regen, welche Erscheinung sich von West her zuerst
bemerklich machte. Am Morgen des 18. Januar signalisirten wir mit einem
englischen Vollschiff, welches den Nordost - Passat in 3° Nord - Br, verloren
hatte. — Von nun an wurde es fast ganz still, nur selten brachte ‚eine
Böe eine kleine Abwechselung. Gegen Abend und um Mitternacht klärte der
Himmel aber gewöhnlich etwas auf und zeigte sich derselbe in besonderer Klar-
heit, so dass Theile des Zodiakallichts deutlich sichtbar waren.
Zu der ausserordentlichen Windstille im Süden der Linie kam nun noch
als zweites Hindernisss die nach Südwest setzende -atlantische Aequatorial-
Strömung mit voller Kraft durch, so dass wir mitunter in einigen Tagen noch
an Breite einbüssten, wie aus folgender Stromübersicht zu ersehen ist:
17.—19. Jan. Von 1° 51‘ S 26° 11‘ W bis 0° 46‘ S 27° 27' W. Strom S70° W 54 Seem.
19.—20. „ 0°46', 27°27 „ „ 0°52, 28°42 ,„ „ S84°W39 ,„
20.—21. „ 0° 52‘, 28° 42‘ „ an. „ S50°W35
21.—23. „ Bis 0° 6‘N und 29° 31‘ W. „ S68°WABB
Wir mussten also sechs Tage gebrauchen, um die kurze Strecke von
i° 51‘ Süd-Br. bis zur Linie zurückzulegen, welche dann am 238., also 34 Tage
nach dem Passiren des Caps der guten Hoffnung in 29'%° West- Lg. ge-
schnitten wurde.
Nördlich vom Aequator ging es dann doch etwas besser vorwärts, leichte
ESE- bis NE-Brisen brachten uns in drei Tagen bis 3° Nord-Br., woselbst der
NE-Passat auf einmal frisch einsetzte und auch beständig stark wehend anhielt,
30 dass wir nach unserem Anemometer vom 26. Januar in 3° Nord-Br. bis zum
3. Februar in 26'/2° Nord-Br., also in 13 Tagen eine mittlere Schnelligkeit des
Windes von 9.1 Met. per Sekunde fanden. Zwischen 24° und 25° Nord-Br.