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Einlaufen in diesen Hafen ist durch zwei, auf den Gründen „grand“- und
„petit mouton“, so wie durch einc auf dem westlichen Strande des Aussenrifles
placirten Boje sehr erleichtert. Da jedoch Veränderungen in der Position der
Bojen vorkommen, ohne dass dieselben bekannt gemacht werden, so ist es
rathsam, wenn man zum ersten Male den Hafen besucht, einen Lootsen zu
nehmen.
Cap Haiti, früher die Hauptstadt der Insel, ist jetzt zur zweiten Stadt
herabgesunken, die Hinwohnerzahl soll circa 10,000 betragen. Der Handel ist
bedeutend, besonders wird Kaffee exportirt und zwar vorwiegend in französischen
Schiffen, von denen eine bedeutende Anzahl auf der Rhede lag.
Am 18. Dezember Morgens verliess ich Cap Haiti und dampfte durch
die Tortuga - Passage nach Port Paix. Dieser Ort ist ein unbedeutender
Platz, von dem etwas Kaffee und Blauholz verschifft wird. Die Rhede ist
gegen Norden ganz offen, jedoch durch die davorliegende Insel Tortuga
geschützt. Rechts und links von der Stadt liegen zwei Forts, gänzlich ver-
fallen und ohne Geschütze, Es leben einige Deutsche hier, die den Filialen der
Häuser in Port-au- Prince und Cap Haiti vorstehen. Gegen 3* a. m. am
19. Dezember passirten wir das Cap a Foux (Cap Locos) und steuerten nach
Gonaives, woselbst gegen Mittag desselben Tages geankert wurde.
Gonaives ist eine gute Rhede, die vorhandene Specialkarte (Tit. VII,
No. 261) hinreichend genau, jedoch hat die Tiefe abgenommen, so dass Schiffe
wie die „Victoria“ circa 1!/a Seem. von der Stadt ankern müssen. Es existiren
oinige deutsche Handelshäuser hier, bei denen 20 bis 25 Deutsche angestellt
sind. Am folgenden Morgen dampfte ich nach Port-au- Prince, woselbst ich am
20. Dezember Nachmittags ankerte.
Port-au-Prince ist die grösste Stadt der Insel, es sollen 30,000
Einwohner vorhanden sein. Die Stadt ist der Sitz der obersten Regie-
rungs- und Justizbehörden, macht aber denselben traurigen, zerfallenen Ein-
druck wie alle Städte dieser Republik. Der Handel ist bedeutend, der
Hafen gut, wenn auch das Einlaufen bei der Nacht nicht rathsam ist. Kin
Leuchtfeuer wird Seitens der Regierung nicht unterhalten, eine Liverpooler
Dampfer-Compagnie lässt jedoch am Mast ihres Kohlenhulks ein rothes Licht
zeigen. Dies Feuer ist auch auf der vorhandenen Specialkarte (Tit. VII,
No. 259) angegeben, - jedoch wurde mir von einem Capitain der Dampferlinie
mitgetheilt, dass die Gesellschaft beabsichtige, das Feuer eingehen zu lassen.
Ob in diesem Falle eine officielle Bekanntmachung erfolgen wird, ist sehr
zweifelhaft und daher Vorsicht beim Ansegeln des Hafens in der Nacht dringend
geboten, Auf Cap Lemantin brennt kein Feuer, ebenso wenig sind Bojen zur
Bezeichnung der Untiefen vorhanden.
Am 27. Dezember Mittags verliess ich die Rhede von Port - au - Prince
und steuerte nördlich um die Insel Gonave und in die gleichnamige Strasse. Als-
dann dampfte ich nach Aux Cayes, woselbst ich am folgenden Tage gegen
Mittag ankerte. Beim KEinlaufen wählte ich die westliche Passage, ich fand
die an Bord vorhandene Specialkarte (Tit. VII, No. 256) im Ganzen richtig,
wenn auch die Wassertiefen abgenommen zu haben schienen. Da der Lootse
erst herauskam, nachdem das Schiff zu Anker war, war ich gezwungen, durch
vorausgeschickte Boote das sehr unregelmässige Fahrwasser auslothen zu
lassen, wobei es sich herausstellte, dass stellenweise unter 7 Met. Wasser auf
dem Riffe sind. Für Schiffe von grösseren Tiefgang als 6 Met. dürfte es daher
rathsam sein, stets die östliche Passaxo zu wählen.
AuxCayos selbst ist ein unbedeutender Platz, jedoch der Sitz des Aron-
dissements-Chefs, es existiren hier einige deutsche Häuser, jedoch ist der Handel
im Ganzen unbedeutend. Am 30. Dezember Abends verliess ich Auw Cayes
und lief am folgenden Vormittag in die Bucht von Jacmel ein. WUebor die
Preise der Proviant-Artikel, welche in den hier angeführten Häfen von S. M. 8.
„Victoria“ vorgefunden wurden, können folgende Angaben gemacht werden: