Dr. Carl Pflugbeil: Sturmtiefbildung ü. d. nordamerik. Kontinent (Höhenwetterkarten; Isentropen-Analyse) 11
23. Januar noch nichts Auffälliges im Hinblick auf eine große Sturmtiefentwicklung bot. Damit erweist sich
also die Front über dem nördlichen Felsengebirge, die in der Bodenkarte mehr oder weniger maskiert auftritt,
als dynamisch außerordentlich belangvoll. In der Abbildung 19 sind noch einmal die dynamisch wichtigen
Fronten und die Änderungen der relativen Topographie seit dem Vortag für den 23. Januar 1938, morgens,
zusammengestellt. Während sich die Warmfront über den Südstaaten zunächst kaum nach Norden bewegt,
dringt die Kaltluft, nach dem Luftdruckgradienten des Bodendruckfeldes zu urteilen, mit etwa 40 km/h vor,
und zwar, wie die Änderungen der relativen Topographie und das Bodendruckfeld nahelegen, am schnellsten
in ihren westlichen Teilen. Jedenfalls muß sich diese Kaltfront gegen Abend des 23. Januar in Richtung des
Abb. 19: Änderung der relativen Topographie 500— 1000 mb gegenüber dem
dem Vortag 4 h und die dynamisch wichtigen Frontlagen am 23.1. 38., 8j»,
eingezeichneten gestrichelten Pfeiles (Abb. 19) der über den Südstaaten lagernden Warmluft nähern, s o d a ß
eine typische Dreimasseneck-Situation zustande kommt. Den Ausgangspunkt der
Zyklogenese würden wir also auf Grund dieser Überlegungen etwas östlich von Oklahoma erwarten. In der
Abbildung 20 (Tafel V) ist die Wetterlage vom Abend des 23. Januar 1938 nach dem bei der Deutschen See
warte, Hamburg, vorhandenen Funkaufnahmematerial wiedergegeben. Die beiden wichtigen Fronten haben
sich schon beträchtlich genähert, und in der Gegend ihrer geringsten gegenseitigen Entfernung liegt bereits
jetzt ein deutlich ausgeprägtes Tiefdrucksystem. Mit der weiteren Annäherung der beiden Fronten muß sich
der Temperaturgegensatz und die Richtungdivergenz der Höhenströmung weiter verstärken, und die Sturm
tiefentwicklung wird rasch Fortschritte machen.
Abb. 21: Schematische Höhenströmung für den Zeitpunkt
des Zusammentreffens der Hauptfronten.
Die Karten der relativen Topographie für den
24. und 25. Januar (Abb. 17 und 18, Tafel IV) zeigen
dann den ungewöhnlich kräftigen Kaltluftvorstoß auf
der Rückseite des entstandenen Orkantiefs.
Über die Bewegungsrichtung des entstehenden
Tiefs können wir an Hand der Lage der erzeugenden
Fronten Aussagen machen. Da die Höhenströmungen
über Fronten starke frontenparallele Komponenten
aufweisen (6), (1), (7), gestattet schon die Abbil
dung 19 vom Morgen des 23. Januar 1938 die ange
näherte Bestimmung der Höhenströmung für den Zeit
punkt des Zusammentreffens der beiden Fronten. Zu
diesem Zwecke denken wir uns die Fronten bis zu ihrem
Zusammentreffen weiter bewegt (Abb. 21). Die dick
ausgezogenen Pfeile geben die frontalen Höhen
strömungen an, der punktierte Pfeil (etwa die Winkel
halbierende zwischen den Fronten) stellt dann die
mittlere Höhenströmung und damit zugleich auch die
Zugrichtung des entstehenden Sturmtiefs dar.