Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte und des Marineobservatoriums. — 60. Band. Nr. 6/7.
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teil Kälteeinbrüchen, die am Boden mit dem Wegräumen der Kaltluftschieht Erwärmung, in der
Höhe aber Abkühlung bringen, da die vorangegangene Warmluft ja nur in der Höhe bemerk
bar war. Diese maskierten KE, die eine außerordentlich weite Verbreitung im Übergangs
gebiet zwischen dem kontinentalen und dem maritimen Europa besitzen, d. h. also in unserem
mitteleuropäischen Teilraum, sind von H. v. Ficker (1926 [b]) erstmalig beschrieben worden.
Daß die höheren Gebirgslagen oft Kältewellen unabhängig von den Bodenschichten bekommen, hatten wir
bereits erwähnt. Stärkere Kälteeinbrüche im Bereich der Hochalpen wurden von W. Peppier (1935) untersucht.
Danach ergab sich, daß ein Temperatursturz z. B. auf dem Säntis gleichzeitig fast stets auch das gesamte Alpenbereich
betroffen hat. Dagegen weist die bayrische Hochebene diese Parallelität zum Säntis nicht auf, zeigt sogar gegensätz
liches Verhalten. Das beruht im wesentlichen eben darauf, daß im Alpenvorland Strahlungskälte lange anzuhalten
pflegt und von auf gleitender Warmluft nicht weggeräumt wird, so daß die nachfolgende maritimpolare Kaltluft
direkt die Stralilungskälte ablöst. Dieser Vorgang aber bewirkt dann im Vorland einen T e m p erat u r -
a n s t i e g , auf den Alpen gipfeln dagegen einen Temperatursturz (vgl. auch W. P e p p -
ler, 1926, S. 229/250). Temperaturfall im Vorland, der nach W. Peppiers Feststellungen im Gegensatz zu den
Gipfeln mit Druckanstieg verbunden ist, gibt sich daher in Übereinstimmung mit unserer Statistik als C- oder NO-KE
zu erkennen. Diese sind, wie auch W. P e p p 1 e r (1926) betont, nur seicht und keineswegs immer als „Polar“luftvor-
stöße zu bezeichnen. Peppier zieht daher ganz richtig auch die Bezeichnung „kontinentaler Kaltluftvorstoß“ vor.
Selten wächst diese bis zu den Alpenkämmen an und überschreitet sie nur an bestimmten Einfallstorcn. Wir wiesen
darauf ja bereits weiter oben hin. Trotz des Staues reicht die Feuchtigkeit für Niederschlag nicht aus; es bildet sich
nur eine Stratusdecke am Alpenrande.
Für die NW-KE. deren Mächtigkeit auf mehrere 1000 in veranschlagt werden kann, gilt
hier, daß sie vielfach, durch die (Urographie abgelenkt, wie die vorangegangene Warmluft aus
WSW kommen (Zierl, 1924, S. G15). Diese orographisch erzwungene Ablenkung führt daher
zu einer ähnlichen Lage, wie sie über freier Meeresfläche nur bei starker Verschleppung und
Einwirbelung der Kaltluft zu beobachten ist. Der Einbruch erfolgt durchaus nicht immer sein-
plötzlich, wie meistens im Flachlande, sondern gliedert sich vielfach in Staffeln, „unterbrochen
durch relativ warme Luftkörper' 1 (W. Peppier, 1926, S. 253). An anderer Stelle wurde be
reits die Staffelung von NW-KE besprochen (S. 24 f.). Infolge dieser Staffelung ergibt sich also
ein treppenförmiger Temperaturfall, das Minimum wird erst (nach Peppier) 31 Stunden nach
Eintreffen der ersten Böenfront erreicht. Inzwischen hat der KE in diesen 51 Stunden eine
Tiefe von ca. 1000km erreicht. Währenddessen ist, ebenfalls nach Peppier, die Temperatur
im Mittel um 10.5° gefallen. Erst dann setzen sich Winde mit nördlicher Komponente auch im
Alpengebiet durch und überschreiten die Alpen nach Süden (v. Ficker, 1907). In den Hoch
alpen sind diese KE, die in der Ebene also oft verkappt auftreten, die stärksten Schneeliefe
ranten und gleichzeitig die Bringer tiefer Temperaturwerte, ganz im Gegensatz zum Vorland,
wie schon aus Peppiers Feststellungen andeutungsweise hervorgeht. Wir dürfen jedoch
ganz ähnliche Verhältnisse für alle höheren Gebirge Mitteleuropas von über 1000m annehmen.
Sie alle liegen ja im Bereich des Auftretens der in Rede stehenden drei KE-Tvpen. Das
bayrische Alpenvorland mit seinem Kaltluftkissen übt in l uftmassenmäßiger Hinsicht mitunter
einen ähnlichen Einfluß ans wie die lappische Binnenkaltluft: weggeräumt wird es oft nicht
durch Warmluft, sondern erst durch maritime, relativ milde Polarluft. Diese Parallelität
kehrt jedoch bei den übrigen höheren Mittelgebirgen nicht wieder: denn weder der Harz noch
die Sudeten haben ein Vorland, das zur Ausbildung beharrlicher Strahlungskaltluft neigt. Im
Falle der bayrischen Hochebene ist es nun, wie schon erwähnt, nicht allein eine topographische
Sehutzlage als vielmehr die Neigung zu hohem Luftdruck über den Alpenvorländern und zur
damit verbundenen Fernhaltung wärmerer vorfrontaler Luftströmungen, die es bewirken, daß
Nordwestluft direkt auf vorfrontale Kaltluft stößt. Oft genug, nämlich wenn auch im Alpen
vorland der Luftdruck stärker fällt, setzt sich auch Warmluft durch. Sonst würde das Kollektiv
mittel des Alpenvorlandes im Winter wohl wesentlich tiefer liegen, als es tatsächlich der Fall ist.
Die wenig mächtigen kontinentalen KE gehen sehr oft mit einem Temperaturanstieg in
höheren Luftschichten bzw. Berglagen einher. Davon sind die höheren Mittelgebirge in Mittel
europa häufig betroffen, wie die Karte Pogades (1930) ebenfalls andeutungsweise zeigt.
Dieckmann (1936) hat dieses Phänomen für den Hochschwarzwald im Vergleich zur Baar
beschrieben. Es hat seine Ursache meist in der Ausstrahlung in den tieferen Gebieten und der
durch das Absinken bedingten dynamischen Erwärmung in höheren Luftschichten. Bei maritim