Joachim Blü tilgen: Geographie der winterlichen Kaltlufteinbrüche in Europa.
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Die Becken läge der Poebene wirkt durch die mittwinterliche Ausstrahlung kalt-
luftfördernd. Die von W. P e p p 1 e r an anderer Stelle betonte Sperrwirkung der Alpen bei
Kontinentalluftvorstößen (1926) bedarf also, worauf seine eigenen vier später entwickelten
Strömungstypen (s. oben) ja selbst aucli hin weisen und was aus den Wetterkartenbildern oft
zu entnehmen ist, einer Einschränkung. Die großen Kältewellen aus dem Nordosten besitzen
in den Anfangsstadien eine erhebliche Mächtigkeit, die es ihnen durchaus gestattet, nicht nur
die bequemen Einfallstore des Rhonetales (Cers, Mistral 51 )) oder des Karstes (Bora, besonders
bei Fiume) zu benutzen, sondern auch die Pässe der Zentralalpen zu überschreiten. Jedenfalls
beträgt ihre Mächtigkeit und Stoßkraft ein Mehrfaches derjenigen, clie die mitteleuropäischen,
selbständigen Kaltluftkissen besitzen, clie ebenfalls mit Nordostwinden gegen die Alpen strö
men. deren Wurzelzone jedoch schon wenig weiter nördlich in Bayern und Böhmen zu suchen
ist und die in geringer Höhe bereits durch eine Inversionsschicht begrenzt zu sein pflegen.
Das Wetterkartenbild legt audi öfter die Annahme nahe daß sogar die Pyrenäen bei heftigen NO-KE oder
C-KE direkt überschritten werden, obwohl diese in ihrer Lage zu der Windrichtung viel eher als Sperrkette wirken
müßten, insbesondere bei ihrer größeren Paßhöhe. Vielleicht spricht hier auch die Lage zu dem Zykloncnkern im
westlichen Mittelmeerbecken mit; denn erfahrungsgemäß ist die Luftströmung auf der Rückseite eines Tiefs durch
greifender, und um diese würde es sidi ja handeln, wenn die Pyrenäen von Kaltluft aus NO überschritten würden.
Andererseits ist aber die Kaltluftproduktion über dem zentralspanischen Hochlande im Winter trotz der südlidien
Lage nicht gering, begünstigt durch häufiges Hochdruckwetter. F o n t s e r e (1932) betont die Sperrwirkung der
Pyrenäen, belegt durch Beispiele, sehr stark. Wenn sogar im März noch Fröste mit Nordostwinden im Wetterkarten
bild der Iberischen Halbinsel erscheinen („gallego“ bei Guillemin, 1885), dann will mir allerdings sdieinen, claß
eine Zufuhr echter polarer Luftmassen als Voraussetzung unbedingt angenommen werden muß. Schließlich mag noch
erwähnt werden, daß KE aus NO in Katalonien nichts Einmaliges sind und bereits in der Literatur ihre Besprechung
erfahren haben, z. B. Bull, 1930, Fontsere, 1932. Ausgehend von der Kompliziertheit bei der Überquerung der
Alpen durch Kaltluft möchte idi jedodi von einer allzu starken Betonung der Kaltluftüberschreitung der Pyrenäen
Abstand nehmen.
In Frankreich und insbesondere in den seltener betroffenen Randbezirken bedeutet das
Eintreffen von NO-Kältewellen die stärkste negative Anomalie 52 ). Im eigentlichen Mitteleuropa
ist das nicht mehr der Fall. Zwar ist der Temperatursprung hier sehr markant, wenn auch
gleichmäßiger und auf stufenweises Absinken verteilt, insbesondere da er nur selten durch auf
fällige andere Wettererscheinungen angekündigt wird (im Gegensatz z. B. zu der Heftigkeit
und Wechselhaftigkeit der NAV-KE). Die tiefsten Temperaturen entstehen jedoch in Mittel
europa vielfach erst durch Strahlung bei SO- oder C-KE im Bereiche absinkender Kontinental
luft, die ursprünglich durch NO-KE herantransportiert worden ist. Auch die Rekordkälte des
Februar 1929, über die schon viel geschrieben worden ist, gehört hierher. Nach dem Eintreffen
von Norclostkaltluft bildet sich, insbesondere beim Vorhandensein einer Schneedecke, ein aus
geprägtes Kältezentrum in den schon erwähnten Gebieten des Alpenvorlandes, Böhmens, des
Karpathenvorlandes und Ungarns aus. Zwar bleibt damit in diesen Teilen die Kälte erhalten
und verschärft sich z. T. sogar noch, aber mit dem Abreißen des Kaltluftstromes aus Nordosten
setzt für Mitteleuropa eine selbständige Entwicklungsphase ein. Die nunmehr zu einem eigenen
C-KE umgewandelte Kaltluft flacht ab und wird besonders im Nordwesten angegriffen, was
jedoch, wie schon angedeutet, nicht verhindert, daß im Aufheiterungsgebiet jetzt erst die
tiefsten Temperaturwerte erreicht werden. Längs den Küsten der Nord- und Ostsee setzen sich
mildere Luftmassen mit Mischungsnebel und Sprühregen langsam durch, während das Kälte
zentrum in Süddeutschland am Boden zunächst erhalten bleibt. Selbst bei länger anhaltender
Aufzehrung durch mildere Luft aus SAV bleibt die Kaltluft im Alpenvorland hart
näckig bestehen. Dieser Widerstand vermag sich bei einer geschlossenen Schneedecke
auch über ganz Mittel- und Norddeutschland durchzusetzen, wie das Beispiel der letzten De
zemberdekade 1938 lehrt. In der Höhe dagegen, also in den deutschen Mittelgebirgen und den
Alpen, vollzieht sich, nahezu unabhängig vom Boden, der Wechsel zwischen milder und erneut
kühler Westluft. Es kommt dann zu den gerade für Süddeutschland charakteristischen maskier
51 ) Nur ein Teil der Mistralfälle gehört hierzu (Benevent, (950), wie z. B. im Februar 1929. Meist ist der
Mistral atlantischen Ursprungs. Direkt vergleichbar der Bora ist nur die Montagnere der Basse Provence.
52 ) Sie führen nach Guillemin (1885, S. 825 f.) in Burgund die Bezeichnung „bisc“.