Joachim Blüthgen: Geographie der winterlichen Kaltlufteinbrüche in Europa.
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H. Petersen in Kopenhagen gesprächsweise angedeutet, daß der süddänische Sthneefall in
diesem Falle möglicherweise auf feuchte Luftsdhalen vom Schwarzen Meer her zurück zuführen
ist, die abgehoben nach NW verfrachtet worden sind und die hohe Schneemenge erklären. — Es
ist klar, daß durch die Wärmeabgabe der See und die stärkere Wolkenabschirmung die südliche
Ostsee Umrandung bei NO-KE keine so tiefen Temperaturen erhält Avie das mitteleuropäische
Binnenland. Zu berücksichtigen ist hierbei, daß in der Mehrzahl der Fälle ein Mitteleuropa
überwehender NO-KE seine Hauptstoßrich tung auf der Linie Leningrad —
Wilna — Warschau — Dresden — Paris entfaltet und Skandinavien also randlicli dazu
liegt. Der Lufttransport nach Skandinavien vollzieht sich daher langsamer (womit nicht gesagt
ist, daß das Innere Skandinaviens zuvor nidit auch strengen Frost entwickelt hat). Die südliche
Ostsee bildet also das Randgebiet für jene NO-KE. die ganz Mitteleuropa ohne Hemmung
überqueren.
Anders ist es jedoch dann, wenn die Luftdruckverhältnisse nicht so einfach Avie hier sind,
sondern flache Tiefdruckreste über Polen, oder abgehobene, vom Mittelmeer stammende Warm
luftreste den KE überlagern oder sogar bei sehr rascher Luftversetzung feuchtere Eismeerluft
eingeschaltet ist. Dann nämlich müssen wir sowohl für die südliche Ostseeküste wie auch für die
mitteleuropäischen Gebirge zumindest mit Stauungsschneefällen rechnen. Teile der aus NO
stammenden KL fließen dann in SO-Europa mit NW-Winden ein (B acso, 1940). Auch nahe der
Front der Kaltluft kommt es bei oft recht großem thermischen Gradienten vielfach zu Schneefällen,
die teils durch Stau und teils durch Mischung zu erklären sind. Fig. 95 und 96 zeigen den von
Zierl (1924) eingehend in seinem Fortschreiten und den thermischen Veränderungen verfolgten
markanten NO-KE vom 5. und 4. Februar 1922.
Während in Württemberg und Sudbayern warme stürmische Westwinde herrschen mit Temperaturen von
4 bis +7°, brechen aus Nordosten extrem kalte kontinentale Luftmasseu mit Nordostwinden und verbreiteten
Fig. ‘>5. NO-KE vom 4. Februar 1922 in Bayern
mit Isothermen (nach Zierl, 1924).
Fig. 96. Isochronen der 0°- und — I0°-Isotherme des
NO-KE vom 4. Februar 1922 (nach Zierl, 1924). Die
Lagen der 0°-lsotherme sind durch gerissene Linien, die der
— 10°-Isotherme durch ausgewogene Linien gekennzeichnet.
Schneefällen ein. Die Donau wird von der Kaltluft bei Donauwörth und Regensburg überschritten, im Windschatten
des Bayrischen Waldes bleibt sie jedoch, wie Fig. 95 zeigt, zurück. Zwischen —4° und +4° liegen die Isothermen
eng geschart. Wie sich das Wandern der — 10°- und der 0°-lsothermc im Laufe des 4. Februar vollzog, stellt Fig. 96
(ebenfalls nach Zierl, 1924) dar. Wir sehen daraus, daß die beiden Isothermen eine deutliche Schwenkung vor