Joachim Blütilgen : Geographie der wintcrlidien Kaltlufteinbrüche in Europa.
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In seltenen Fällen delmt sich ein maritimer Polarluftvorstoß über ganz Skandinavien
aus. Ein bloßes Verlagern eines schon bei Island feststellbaren KE nach Osten ist dabei nicht
anzunehmen, vielmehr liegt das ihn verursachende Tief dann in der Nähe des Nordkaps mit
einer Tendenz, nach SO weiterzuwandern oder nach dort Ausläufer zu entsenden.
Bei sehr ausgedehntem Druckfeld vermag dann die maritime Polarluft, die in diesen Breiten sidi von einem
degenerierten Warmluftvorstoß nicht mein - sehr unterscheidet, ganz Skandinavien von NW her zu überspülen, wie
eins Beispiel des 6. Dezember 1928 lehrt. In dieser Zeit zogen Tiefs an der lappischen Eismeerküste vorbei und ent
wickelten gleichzeitig einen Ausläufer bis nach den Alandsinseln hin. Die Riickscitenkaltluft langte zunächst ziemlich
verschleppt mit SW-Winden in Nordlappland an, infolge des finnischen Ausläufers jedoch wurde sie von Nordoy an
an der norwegischen Westküste bis nach Gällivare hin in eine NW-Strömung abgelenkt, weldie das Gebirge über
schritt und Südnorwegen, Mittelschweden sowie Westfinnland erreichte. An der norwegischen Westküste traten
Niederschläge, z. T. in Schauerform. auf. dagegen am Ostabfall des Gebirges sogar wolkenloses Wetter (NW-Föiin!)
mit anziehenden Frösten. Bezeichnend ist, daß diese Wetterlage nur 24 Stunden dauerte. Schon am andern Tage
war die häufigere Lage wieder hergcstellt: ziemlich still liegende, durch lokale Strahlungsverhältnisse bedingte Kalt-
luft ohne eine erkennbare Ausbreitung in bestimmter Richtung. Dabei kommt es zu extremem Temperaturfall infolge
Ausstrahlung in der maritimpolaren Kaltluft (Sodankylä am 6. Dezember: 0°, am 7. Dezember: —23°).
Wie clas angezogene Beispiel zeigt, sind solche weitausholenden Vorstöße nur kurzfristig;
die innerskandinavische Kaltluftprocluktion, die auch während eines solchen weit ausholenden
Schwalles noch erkennbar ist (Fig. 16), drängt ihn dann rasdi nach NO ab. so daß er nur noch
in zunehmend kontinental modifizierter Form in Lappland erkennbar ist.
Fig. 16. Vorstoß maritimpolarer Kaltluft vom
Eismeer nach Nordenropa am 15. Dezember
1951. Der Strom überspült ganz Nordeuropa, in
dessen Innerem sidi jedoch sofort wieder tiefere
Temperaturen einstellen (nach Bad. Wetterber.).
Fig. 1". Nsk-KE vom 26. Oktober 1951, kontinentalmodifizierte
t ariante eines Arktisluftvorstoßes mit innerskandinavisdier Kalt
luftachse. auch als ausgedehnter NO-KE aufzufassen (vgl. S. 55).
Wenn auch die Ähnlichkeiten zwischen NW-KE von Island her und den Nsk-KE über Nord
europa groß sind, so sind die kontinentalbedingten Modifikationen der letzteren doch
ebenso charakteristisch. So spiegelt sich auch hier in der Typenbeschreibung die klimatische
Lage wieder, die dem Kaltlufttransport seine jeweiligen Besonderheiten verleiht. Abgesehen
von diesen Besonderheiten ergibt sich zwischen den beiden verglichenen Typen eine räumlich
rhythmische Beziehung, auf die wir hier kurz eingehen wollen. Die Frequenz der Zyklonen
zugstraße entlang des Skandik bis zum Weißen Meer bewirkt, daß sich Riickseitenkaltluft-
vorstöße in einem bestimmten Abstande folgen. Dieser Abstand ist zwar abhängig von der Zahl
der in der Zeiteinheit dieser Bahn folgenden Zyklonen, im Durchschnitt pflegt jedoch sowohl
über dem Skandik einerseits w ie über dem Barentsmeer andererseits ein Gebiet niedrigen Luft
drucks zu liegen. Das bewirkt aber die Tendenz zu gleichzeitiger Ausbildung von NW-KE und
Nsk-KE. In ganz seltenen Fällen wachsen diese Aktionszentren auch einmal zu einem einzigen
Nordenropa beherrschenden Tief zusammen, so daß dann NW-KE und Nsk-KE auch einmal un
mittelbar nebeneinander zu strömen kommen. Aber das sind Ausnahmen, denn meistens dringt