accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text: 60, 1940

Joachim Bliitilgen: Geographie der winterlichen Kaltlufteinbrüdie in Europa. 
33 
darauf hinzuweisen, daß man heim Begriff „Aprilwetter“ nicht eine allzu enge synoptisdie Vorstellung haben darf. 
Es hat dies dazu geführt, daß dieser landschaftlich ebenso wichtige wie komplizierte Begriff innerhalb der Geographie 
zur abgegriffenen Münze wurde und zu Unrecht den NW-KE in Bausch und Bogen zugeschrieben wurde. 
Der mit einem NW-KE verbundene Temperatursturz kann natürlich nur dort wirksam sein, 
wo zuvor wärmere Luft herrschte. Dies ist über Mittel- und Westeuropa der Fall. Ausnahmen 
gibt es namentlich in Island einerseits und im inneren Mitteleuropa andererseits. Dadurch, 
daß die Tiefdruckgebiete südlich von Island in nordöstlicher Richtung ziehen, wird die mit 
einem KE nach Island gelangte KL oft vor dem nächsten l ief nur vorfrontal gestaut; sie sinkt 
ab, und es kommt auf diese Weise zu starken Strahlungsfrösten. Nach Vorüberzug des neuen 
Tiefkernes frischt der KL-Strom erneut auf, der nun jedoch gegenüber den Strahlungstempera 
turen einen Temperaturanstieg bewirkt, welcher Beträge bis zu 15° erreichen kann. Wir 
haben also hier den paradoxen, wenn auch nicht so seltenen Fall, daß ein KE aus NW mit einem 
recht plötzlichen Temperaturanstieg verbunden ist. Von Ficker (1926 [b] bezeichnete diese 
Vorstöße als „maskierte“' KE. 
Ein sehr instruktives Beispiel eines derartigen getarnten P o 1 a r 1 u f t e i n b r u c lies , der zunächst einen 
erheblichen Temperaturanstieg mit sidi bringt, gibt der 10. und 11. März 1951. Am 10. März herrschen über Eng 
land noch nordöstliche Iris nördliche Winde mit Temperaturen bis zu —7° (Yarmouth). Die Luftmasseu sind skan 
dinavischen Ursprungs. Am Tage darauf ändert sich das Druckfeld insofern, als die Isobaren über Nordwesteuropa 
jetzt nordsüdlidi verlaufen. Das bedeutet naturgemäß einen Durchbrach nordwestlicher maritimpolarer Luftmasseu 
aus der Gegend Islands nach England. Dieser Durchbruch, der in England sonst stets ein kräftiges Absinken der 
Temperatur bis in Gefrierpunktnähe bewirkt, bedeutet jetzt einen Anstieg (Yarmouth + 1°) um volle 8°. Die Grenze 
der Polarluft nordwestlichen Ursprungs kann gegen die extrem kalte Kontinentalluft, die z. T. noch in die neue Zug- 
richtung eingeschaltet ist und abtransportiert wird, am besten durch den Temperaturanstieg gezogen werden (z. B. 
Croydon WSW3, —1° gehört zur NW-Luft, Aachen WSW3, -—5° noch zur Kontinentalluft). 
Mit einem maritimpolaren Vorstoß von Island her verbindet sich in der Regel die Vor 
stellung böigen Schauerwetters mit sprunghaften Windstärken, die im Durchschnitt 
höher sind als bei den anderen KE-Typen. Zwar kommen hei anderen Typen gelegentlich auch 
größere Windstärken vor, jedoch gibt es umgekehrt keinen NW-KE nach Mitteleuropa hin bei 
schwacher Luftbewegung. Nimmt die Luftbewegung infolge eines übernormalen Gradienten 
stark zu. dann trifft die KL stark verschleppt, meist mit SW-Winden in Mitteleuropa ein: ein 
Windsprung beim Übergang von cler vorangegangenen WL zu der KL tritt dann nur in sehr 
schwachem Maße ein. Es herrsdien dann in Mitteleuropa ganz ähnlidie Verhältnisse w ic in 
Island bei jenen oben erwähnten kurzen verschleppten KE, nur daß es in Mitteleuropa nicht so 
rasdi zu einem Wechsel von WL und KL kommt wie in Island. Verschleppte KE über Mittel 
europa gehören daher auch dort mehr zu den Seltenheiten, denn sie entstehen nur, wenn die 
Tiefclruckkerne, gefolgt von einem breiten Kaltluftschwall, auf südlicherer Bahn bis nach Süd 
skandinavien ziehen. 
Die Niederschlagsmengen sind im ganzen Bereidi der NW-Luftvorstöße nicht sehr 
hoch; sie treten, in kurzen Schauern von z. T. erheblicher Intensität auf. Auch sind sie nicht 
allein auf die ,,Kopfbö‘‘ besdvränkt, vielmehr erfüllt Schauerwetter mit wiederholten Schnee 
oder Graupelschauern einen großen Teil des nachfolgenden Kaltluftkörpers (vgl. die lehrreiche 
Karte 16 bei März 1936). Zeitlidi stärker zusammenhängende, in ihrer Intensität jedoch eben 
falls starken Schwankungen unterworfene Schneeniedersehläge stellen sich an den Luvseiten der 
Gebirge ein (vgl. Kapitel D 5). Da einerseits die Schneemengen durch das A^erstreute Auftreten 
der Schauer ungleich verteilt und andererseits häufig die vordersten Teile des Polarluft 
vorstoßes noch durch positive Temperaturen gekennzeichnet sind, kann sich eine gleichmäßige, 
geschweige denn zusammenhängende Schneedecke bei NW-KE in tieferen Lagen meist nirgends 
ausbilden. Das örtlich eng begrenzte Auftreten lokaler Sch nee.schauer kann sogar zu einer groß 
zügigen Streifigkeit cler Landschaft führen, welche im Flachlande sogar im Blickfelde des ein 
zelnen Beobachters liegen kann, wie die folgende Abbildung Fig. 13 zeigt. Sie wurde aller 
dings bei Polarluftzufuhr aus NO über Skandinavien gemacht, da ein Beispiel für einen NW-KE 
nicht zur Hand war; zweifellos photographisch ein ebenso schwieriges wie seltenes Objekt! 
Die sichtbaren Schneereste werden bei den meteorologischen Messungen daher hei dieser Art 
von KE oft nicht berücksichtigt. Daraus können sich ganz erheblich falsche Vorstellungen von
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.