Ueber die Monsune und Orkane im Indischen Ocean, in der China-
und Java-See und dem anliegenden Theil des Stillen Oceans.
(Mittheilung von der Deutschen Seewarte,)
Von W, Wagner, Vorsteher der Abtheilung I der Deutschen Seewarte,
(Mit 5 Tafeln.)
Die Grenzen des Indischen Oceans sind ebenso, wie die des Atlantischen
und Stillen Oceans theils natürliche, theils konventionelle. Die natürlichen
Grenzen des Indischen Oceans bilden im Westen die Küsten Afrika’s und Arabiens,
im Norden Persien und die Halbinsel Vorder-Indien, welche die zwei grossen fast
symmetrischen Einbuchtungen des Bengalischen Meerbusens und des Arabischen
Meeres von einander trennt. Im Osten bildet die Westküste von Hinter-Indien,
die malat’ische Halbinsel, die Westküste von Sumatra, die Südküste von Java
und die östlich davon gelegenen Inseln, sowie die Westküste Australiens von
der Insel Melville im Norden, rund um den ganzen Kontinent, bis Wilson
Promontory die Grenzen. Im Süden steht der Indische Ocean in freier offener
Verbindung mit dem südlichen Polarmeer, er ist aber nach Uebereinkunft von
diesem abgegrenzt durch den südlichen Polarkreis und die beiden bis zu diesem
verlängerten Meridiane des Kap Agulhas und der Südspitze von Tasmanien,
In der vorliegenden Arbeit soll nun vorzugsweise derjenige Theil des
Indischen Oceans in Bezug auf seine Windverhältnisse besprochen werden,
dessen charakteristische Winde die periodischen, halbjährlich wechselnden —
die Monsune — sind. Dieser Theil liegt im Indischen Ocean nördlich von
20° S-Br in den oben angegebenen Grenzen; da aber die Monsune, welche hier
zur Betrachtung kommen, sowohl nördlich als südlich vom Aequator sich noch
weiter nach Osten erstrecken, so wird es nöthig, auch die China- und Java-See,
sowie einen Theil des westlichen Stillen Oceans mit in das zu behandelnde Feld
aufzunehmen.
Monsune findet man in jedem Ocean zwischen den Weondekreisen, aber
in keinem Meere sind sie so ausgebildet und so regelmässig, als in denjenigen
Theilen des Indischen und Stillen Oceans, von denen hier die Rede sein soll.
Im Atlantischen und im Stillen Occan erstrecken sich die Kontinente in
der Richtung von Norden nach Süden, die Meere sind nach Norden und Süden
offen, die Cirkulation ist in Folge dessen eine ungehinderte, und man findet
daher in den Tropen vorherrschend die regelmässigen Passate, welche nur an
gewissen Stellen in der Nähe des Landes und zu gewissen Jahreszeiten durch
Monsune unterbrochen werden. Der Indische Ocean dagegen ist nicht nur im
Norden, sondern fast nach allen Seiten gänzlich von Land eingeschlossen,
ausserdem werden aber auch die Luftmassen durch gewaltige Gebirgsketten
und Hochebenen im Innern des Landes in ihrer freien Bewegung beschränkt.
Diese eigenthümliche Anhäufung überwiegender Ländermassen rund um das
Meer hat je nach der Jahreszeit eine vorschiedenartige Erwärmung derselben zur
Folge, wodurch beständig wechselnde Temperatur- und Luftdruck - Unterschiede
auf dem Lande und auf dem Meere hervorgebracht werden. Durch diese werden
die regelmässigen Passate gestört, und es entstehen an ihrer Stelle periodische
Winde und Jahreszeiten mit entgegengesetztem Charakter, nasse und trockene.
Zur Veranschaulichung der, in dem in Frage stehenden Gebiete herrschen-
den Temperatur- und Luftdruck- Verhältnisse sind in den beigefügten vier Karten
Ann. d. Hydr.. 1878, Heft IX (September).