Ulrich Roll: Zur Frage des täglichen Temperaturganges und des Wärmeaustausches
31
2. Wasser kälter als Luft.
Tagsüber liegen die Verhältnisse hier ziemlich einfach. Es besteht bei stabiler Temperatur
schichtung ein fortdauernder abwärts gerichteter Wärmestrom, der der Wasseroberfläche ständig
Wärmemengen auf dem Wege des Austausches zuführt. Die Wassertemperatur kann also in gewissem
Umfange durch die Lufttemperatur beeinflußt werden. Als Beispiel seien die Temperaturmessungen
vom 5.6. 1937 angegeben. Figur 16 zeigt einen Ausschnitt
aus dem Temperaturgang dieses Tages in verschiedenen
Höhen bei Helgoland, der bei plötzlich aufreißender
Wolkendecke und daher verstärkt einsetzender Ein
strahlung erhalten wurde. Landeinfluß scheidet aus, da
während des ganzen Tages Westsüdwestwind wehte. Wir
sehen deutlich, wie die Erwärmung zunächst in den oberen
Schichten einsetzt und sich langsam offensichtlich durch
Austausch Vorgänge nach unten ausbreitet. Sodann beginnt
gegen 1500 Uhr in den unteren Schichten (0,3—40 m) ein
Temperaturabfall, obwohl die Temperatur darüber weiter
hin ansteigt. Dieser Temperatur Verlust läßt sich zwang
los als durch Wärmeabgabe an die Meeresoberfläche ver
ursacht deuten. Ein quantitativer Nachweis ist jedoch
schwierig zu führen, da der auf getretene Verlauf der
Wassertemperatur, der bei dem Absinken der Lufttempe
ratur in den unteren Schichten und audr bei dem späteren
Rückgang der Einstrahlung nahezu gleidibleibend ist,
möglicherweise durch andere Ursachen, wie advektive
Änderungen, bedingt sein kann. Rein rechnerisch ergibt
sich, daß der in den unteren Luftschichten eingetretene
Wärmeverlust zur Erwärmung einer etwa 1 cm tiefen
Wasserschicht um 1 Grad ausreicht. Inwieweit die Mes
sungen dieses Ergebnis zu bestätigen in der Lage sind,
soll vor allem in Anbetracht der angewandten Methode
zur Bestimmung der Wassertemperatur (Aufschlagen
einer Pütz an Deck) dahingestellt bleiben.
Zunehmende Himmelsbedeckung bewirkt nach
1615 Uhr wiederum eine Abnahme der Einstrahlung. Der
entsprechende Temperaturabfall beginnt wieder zuerst in
den höheren Schichten, um sich dann durch Austausch-
Vorgänge nach unten fortzupflanzen. Die am 5.6. 1937
gemessenen Temperaturen können mit guter Berechtigung
als zeitlich auf wenige Stunden zusammengedrängte, an
schauliche Darstellung des normalen Temperaturganges
eines ganzen Tages aufgefaßt werden. Die Verfrühung Figur 16
der Temperaturmaxima in den unteren Luftschichten
gegenüber den Werten am Boden und in größeren Höhen
kommt hier besonders deutlich zum Ausdruck.
Über die nächtlichen Austausch Vorgänge im vorliegenden Falle (Wasser kälter als Luft) können
aus Mangel an Messungen keine Aussagen gemacht werden. Die tagsüber gewonnene Meßreihe vom
5.6.1937 eignet sich nicht für die Berechnung der Konstanten des täglichen Ganges der Lufttemperatur.
Es ist jedoch zu erwarten, daß die nächtliche Abkühlung der Luft u. U. zu von der Wasseroberfläche
ausgehenden, aufwärts gerichteten Wärmeströmen Anlaß geben kann. Im einzelnen wird für die Mög
lichkeit, Dauer und Stärke dieses Wärmeaustausches genau wie im Falle 1. die Größe der zu überwin
denden Temperaturdifferenz zwischen Wasser und Luft maßgebend sein.
Die oben entwickelten Anschauungen sind geeignet, zwischen den Verschiedenheiten der Auf
fassung über das gegenseitige Verhältnis der täglichen Temperaturgänge in Luft und Wasser, die
zwischen D e f a n t und Kuhlbrodt existieren, zu vermitteln.
Nach Defant 20 ist der tägliche Gang der Lufttemperatur über dem Meere als reiner Strah
lungsprozeß der dunsterfüllten unteren Luftschicht anzusehen und demnach nahezu unabhängig vom
Gang der Wassertemperatur. Diese Ansicht wird von Reger 29 bestätigt.