Ludwig Sclinebel: Beitrag zur Zyklogenese.
25
Besondere Bedeutung kommt der Aufklarzone mit weitverbreiteter, völliger Wolkenlosig-
keit zu, wie wir sie z. B. am 26. Januar um 8 Uhr südwestlich des zyklonalen Kernes fest
stellen. Bei ihr handelt es sich um ein Aufheiterungsgebiet, welches bei allen Rand
zyklonen angetroffen wird, sofern diese nicht bereits okkludieren oder lediglich Ge
wittertröge clarstellen. In Zugrichtung der Teilstörung gesehen, liegt es in der Divergenz der
Bodeninsobaren, mit welcher meist eine starke Strömungsdivergenz vor allem in cler unteren
Troposphäre und damit Abgleiten der Luftmassen verbunden ist. Höchstens Einflüsse der
Orographie können diese Verhältnisse verändern und müssen daher berücksichtigt werden.
Die behandelten Wetterlagen stellen zwei Fälle „schwacher Zyklogenese“ dar. Gerade
weil es nicht zu einer lebhafteren Entwicklung kommt, schien eine Untersuchung lohnend, um
die Ursachen ihrer „vorzeitigen Auflösung“ kennenzulernen.
Als Erfahrungstatsache ist bekannt, daß ein lebensfähiges Drucksystem jeweils einen ganz
charakteristischen thermodynamischen Aufbau besitzt. Geht dieser verloren, dann hat das
Druckgebilde den Höhepunkt seiner Entwicklung überschritten. So gilt für eine Zyklone, daß
sie einen insgesamt kühleren Luftkörper besitzt als die Antizyklone, daß in ihr die aufwärts
gerichteten Bewegungen überwiegen, die größten vertikalen und horizontalen Temperatur
gradienten herrschen, die Inversionen in der freien Atmosphäre selten sind und die ver
schiedenen Arten der Feuchtlabilität zu ihrer eigentlichen Geltung kommt.
Für die thermodynamische Betrachtungsweise bietet der Sandströmsche Zirku
lationssatz die einfachste und wichtigste Stütze: Zur Ermöglichung einer Zirkulation muß
die Erwärmung unter hohem, die Abkühlung unter tiefem Druck erfolgen. In der Atmosphäre
findet die Erwärmung am Boden, die Abkühlung in der Höhe statt. Die Tiefdruckgebiete sind
Gegenden, in welchen der größte vertikale Wärmetransport zugunsten der hohen Troposphäre
vor sich geht. Ermöglicht wird dies durch die Kondensationsvorgänge. Nicht allein die
aktuelle Temperatur und die bestehende Vertikalbewegung, sondern in starkem Maße auch
die Feuchtigkeit von Luftmassen ist für den Grad der Zirkulation, für die Lebhaftigkeit der
Wettererscheinungen ausschlaggebend.
Zwischen Azorenhoch und Islandtief ist die „Hauptstörung“ der Winterlage entstanden.
Sie findet die für eine günstige Entwicklung „normalen“ Bedingungen vor. Diese werden
aber rasch ungünstiger, je mehr sie sich nach dem Kontinent verlagert. Denn im Winter wirkt
das Festland in verstärktem Maße zyklolytisch: erstens sorgen die Strahlungsvorgänge dafür,
daß aufwärts gerichtete Bewegungen unterbunden werden, zweitens fehlt über dem Kontinent
die Wasserdampfzufuhr vom Untergrund her. Dadurch kommt die für Zyklogenese so wich
tige „bedingte“ Feuchtlabilität in Wegfall. Die Zyklogenese ist daher nur noch durch die
Änderung des Druck-Dichte-Solenoidalfeldes infolge der Druckänderungen gegeben, deren
Wetterwirksamkeit beim Fehlen der Feuchtemengen jedoch nicht besonders groß ist.
Der betrachteten Zyklone vom 25. bis 27. Januar 1957 stehen anfangs Luftmassen zur Ver
fügung, wie wir sie bei jeder gut entwickelten Zyklone vorfinden. Dann werden jedoch mit
dem Weiterrücken des Höhenkerns nach NE mehr und mehr trockene Kaltluftmassen in die
bestehende zyklonale Zirkulation einbezogen. Diese Kaltluftmassen entstammen dem Ruß
landhoch, sind in starkem Absinken begriffen, tragen zu einer Verstärkung der Zyklogenese
daher nicht bei. Die aus Osten heranstürmenden Kaltluftmassen stellen eine „Kältequelle
unter hohem Druck“ dar, welche der bestehenden zyklonalen Zirkulation entgegenwirken.
Letztere wird immer mehr vom Boden abgehoben und ist unter dauernder Abschwächung
gegen Ende nur noch in der Höhe vorhanden, wo der zyklonale Höhenkern vollkommen über
der kalten Ostheft liegt. In dieser anormalen thermischen und dynamischen Anordnung der
Zyklone liegt deren vorzeitige Auflösung begründet, gleichzeitig auch die Zerstörung des
Rußlandhochs.
Eine genetisch vollkommen andere Lage stellt die untersuchte Sommer-Zyklone dar. Sie
ist nicht als Randstörung entstanden, sondern gliedert sich, nachdem sie den Höhepunkt ihrer