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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte und des Marineobservatoriums — 58. Band, Nr. 3
verstopft dann gelegentlich die Irbener Meerenge, so daß selbst dort, wo die Kältegrade gar nicht so groß sind,
plötzlich schwere Eisverhältnisse auftauchen können. Die an sich jedoch geringe Strömung im Inneren des Meer
busens bedingt, daß noch ziemlich spät, mitunter noch im Mai, Treibeisreste nordöstlich von Kynö schwimmen,
die an Ort und Stelle schmelzen. Das meiste Eis verschwindet Ende April durch die Meerenge von Irben, verstärkt
durch den Abbruch des Küstenfesteissaumes. Teile mögen auch in den Moonsund gelangen.
Durch die abgeschlossene Lage bedingt, ist das Eis im Nordostteil starken Packungen unterworfen, so daß
ebenes Festeis vom Küstensaum abgesehen seewärts nicht vorkommt. Der Schiffahrt bereitet darum das See-Eis
in diesem Eisgebiet erhebliche Schwierigkeiten, die größten des gesamten Rigaischen Meerbusens überhaupt. Die
Stärke der Packeiswälle steht der des Eises östlich von Hogland keineswegs nach. Man vergleiche nur die Bilder
6—9 in Slaucitajs (Lit. Nr. 97, S. 12—14).
9. Der Südwestteil des Rigaischen Meerbusens.
Der Südwesten des Rigabusens, dessen Abgrenzung nach Nordosten ungefähr durch die Linie von Domesnäs
bis zur östlichen Küste bei 57°30' N gegeben ist, unterscheidet sich wesentlich von dem Nordostteil. Die Ver
eisung beginnt an der südwestlichen Küste von Domesnäs bis etwas südöstlich von Markgrafen. Es bildet sich
schwaches Festeis. Die Bucht von Riga selbst bleibt dagegen noch länger eisfrei, wie überhaupt die Eisverhältnisse
in Riga selbst, stark im Vorteil durch die stark strömende Düna, die günstigsten des Eisgebietes sind. Das erste
Eis tritt normalerweise im Januar auf. Erst im Februar umschließt der Festeisgürtel auch die Küsten des inneren
Busens im Südosten. Zwischen dem selbständigen Eiszentrum von Runö und der Küste verbleibt jedoch noch lange
bis in den Hochwinter hinein ein Rest eisarmen Wassers, dessen Vorhandensein für die Schiffahrt nach Riga be
deutungsvoll ist. Aber noch im Februar füllt sich das Fahrwasser mit gepacktem und treibendem Eise, während
gleichzeitig die Küste vor der Mündung der Düna von starkem Festeis und Packeis blockiert ist. Die Auflösung
des Eises im Frühjahr setzt vor Dünamünde ziemlich rasch ein und bald darauf ist auch das Fahrwasser mit beweg
lichem Eise bedeckt, während die SW-Küste noch bis Ende März einen morschen Festeissaum zeigt. Bei dem Eis
treiben spielt von Nordosten stammendes Eis eine große Rolle. Es trägt zu einer Verstärkung der Eisverhältnisse
bei, wie sie allein aus der späten Beeisung nicht zu erwarten wäre.
In normalen Wintern wird die Schiffahrt mittels Eisbrecherhilfe aufrecht erhalten. Im einzelnen sind die
Eisverhältnisse abhängig von den Windverhältnissen. Meistens (Lit. Nr. 106 S. 25) besteht die Eisdecke aus ebenen
Eisfeldern mit breiten, nur durch Eisbrecher forcierbaren Packeisstreifen. Die relativ große Variabilität hinsicht
lich des Auftretens von Eis im Seebereich macht sich bereits deutlich in dem Unterschied der Amplitude frühester
und spätester Enteisung zwischen dem Seegebiet und dem Hafen von Dünamünde bemerkbar. Während die Ent
eisung bei dem Hafen zwischen den Extremen des 28. 3. und 26. 4. schwankt, beträgt dieser Zeitraum im Seegebiet
beinahe das dreifache (10. 2. bis 2. 5.). Die längere Dauer der Vereisung entlang der Küste bei Markgrafen macht
sich in dessen sommerwärts verschobener Enteisungsamplitude bemerkbar (17. 3. und 30. 5.), wie überhaupt hier
die ganze Vereisungsperiode mit durchschnittlich 73 Tagen mit Eis die von Dünamünde mit nur 55 wesentlich
übersteigt (1. c.). Die Periode zwischen erstem Frost und erstem Eis umfaßt nach Slaucitajs (Lit. Nr. 99 S. 8)
bei Markgrafen eine Summe negativer Tagesmittel von 108°, dagegen steigt sie bei Dünamünde auf 193° und liegt
damit dort noch höher als bei Lyserort, wo sie nur 143° beträgt.
Slaucitajs (1. c.) hat die Winter von 1920/21 bis 1934/35 in Form kombinierter Eis- und Temperatur
diagramme einschließlich der Mittelwerte dargestellt, sie stellen eine wertvolle Handhabe für die Kenntnis der
Eisverhältnisse des Rigabusens dar. Sie zeigen m. E. ziemlich deutlich, daß die erste strenge Frostperiode nur an
der Küste bei geschützter liegenden Orten zur Eisbildung führt, daß aber strenge Eisverhältnisse erst durch die
zweite strenge Frostperiode hervorgerufen werden. Seine Mittelwertdarstellungen zeigen auch die auffallende
Begünstigung des Hafens Dünamünde, der selbst eine mildere Vereisung aufweist als Lyserort an der Westküste.
Dagegen zeigt Lyserort die für die südliche Ostsee charakteristische Verfrühung der Enteisung sowohl im Mittel wie
in den einzelnen Jahresdiagrammen.
Da die Düna wesentlich früher enteist, entsteht vor Dünamünde im April oft ein gefährlicher Eisstau, der
in Extremwintern zu folgenschweren Hochwässern durch die andrängenden Schmelzwässer im Gebiet von Riga
führen kann. Dies war 1929 der Fall (Lit. Nr. 97, S. 19), als die Düna am 23. April auf 2,83 m über normal durch
das feste und angestaute Packeis vor Dünamünde anschwoll. Der mittlere Aufgang der Düna ist schon am 7. April
zu erwarten. Die Packungen vor Diinamünde können erhebliche Dimensionen erreichen (Doss, Lit. Nr. 43).