Dr. Joachim Blüthgen: Die Eisverhältnisse des Finnischen und Rigaischen Meerbusens
99
wärme und der späte Einsatz des Frostes eine gleich intensive Vereisung. So beschränkt sich seine Herrschaft als
Extremvereisungswinter auf die meernahen Gebiete der West- und Nordwestaußenküste. Er führte ganz besonders
zu einer relativ stärkeren Vereisung in den Seegebieten, namentlich im Frühjahr. — Die letzten Winter sind im
allgemeinen weniger streng gewesen. Die tiefen Temperaturen 1930/31 machten sich bei der Vereisung nur an
wenigen Stationen entsprechend geltend, insbesondere an der Pforte des Rigabusens. —
Die letzten drei Winter waren an der gesamten nordestnischen Küste bis nach Dagerort hin extrem milde,
was die Vereisung betrifft. Die frühe Lage des Minimums 1933/34 (Januar) bedingte immerhin aber im südlichen
Inselschelf und im Rigabusen eine stärkere Ausbildung der Vereisung. Bei Zerel erscheint dieser Winter sogar als
strengster Winter. Der einzige, nahezu ohne relative Unterschiede verlaufende Eiswinter ist der von 1931/32, der
überall als regelmäßig verlaufender Idealwinter zu bezeichnen ist.
Schon aus dieser Betrachtung ergibt sich, daß die einzelnen Extremwinter durchaus nicht das ganze Unter
suchungsbereich decken, sondern ganz verschiedene Ausdehnungsbereiche besitzen. Das kann sogar soweit gehen,
daß innerhalb des gesamten Arbeitsgebietes ein direkt gegensätzliches Verhalten eintritt, wie z. B. 1933/34. Dieses
gegensätzliche Verhalten bezieht sich wohlgemerkt aber nur auf die Vereisung, keineswegs auf den Temperatur-
gang. Die Ursache liegt in der verschiedenen zeitlichen Lage des Minimums (kältesten Monats) begründet, wodurch
sich dann die hydrographischen Unterschiede bemerkbar machen sowie auch die Gunst der Lage. Die Verbreitungs
gebiete der extrem strengen Winter sind auf beifolgender Karte (I) dargestellt. Die Gebiete überschneiden sich
dort, wo es schwerer zu entscheiden ist, welcher von zwei in verschiedener Hinsicht strengen Wintern als der
extremste anzusehen ist. Die Feststellung eines Winters als extrem richtet sich ja nicht allein nach den extremen
Daten des Beginns und Schlusses der Vereisung, sondern natürlich auch nach der Intensität der Vereisung im
Hochwinter.
Abb. 60. Die Wintertemperaturen (senkr. Spalten) der Monate Dezember - Januar — Februar — März — April
— Mai. Die beobachteten Mittelwerte sind durch gerissene, die 50jährigen Mittelwerte zu Anfang durch eine
ausgezogene Linie eingetragen. Die Stationen sind (waagerechte Spalten) : A = Äbo, HE = Helsinki, W = Wiborg,
S = Sortavala.
Die Temperaturkurven der finnischen Stationen Äbo, Helsinki, Wiborg und Sortavala (Ladoga See) be
stätigen im großen und ganzen das, was über die Parallelität zwischen Eisbildung und Frostzeit bei den estnischen
Stationen gesagt wurde. Leider fehlten mir die Angaben für 1923/24 und 1925/26. Hinsichtlich der Temperatur
hebt sich der Winter 1928/29 ganz besonders heraus, obwohl er hinsichtlich der Vereisung noch übertroffen wurde
von 1925/26 und 1923/24. Ganz ähnlich wie zwischen Filsand und Hungerburg macht sich zwischen Äbo und
Wiborg-Sortavala eine Tendenz der nach Osten sich akzentuierenden Kontinentalität auch in den einzelnen Jahren
geltend. Diese Beobachtung ist von weittragender prinzipieller Bedeutung; während nämlich die Abweichungen