Prof. Dr. ß. Schott und Dr. B. Schulz: Die Forschungsreise S. M. S. „Möwe“ im Jahre 1911. A. Ozeanographie. 77
Die Strombeobachtungen an jeder Station nahmen insgesamt meist 2 bis 3 Stunden in Anspruch.
Bei der Einzelbeobachtung verstrich zwischen der ersten und zweiten Auslösung meist eine Zeit von
10 Minuten, gelegentlich auch von 5, 15, 20 Minuten. Bei über 20 Stationen wurden die Beobachtungen
in den gleichen Tiefen im Abstande von etwa einer Stunde wiederholt, in einigen Fällen auch ein drittes
Mal. Diese wiederholten Beobachtungen zeigen nun von einander beträchtliche Abweichungen, so daß
aus dem „Möwe“ - Material eine große Veränderlichkeit der Tiefenströmungen folgt und die Fest
stellungen von Helland-Hanse n 1 ) und A. M e r z * 2 3 ) bestätigt werden. Als Beispiel für die Änderung
der Stromrichtung mit der Zeit sind in der folgenden Tabelle die wiederholten Beobachtungen aus
dem Kanarenstromgebiet zusammengestellt.
In gleicher Tiefe wiederholte Strombeobachtungen.
(Zeitabstand mindestens eine Stunde.)
Station
Nr.
N-Br.
Datum
1911
Tiefe
HI
1. Beobachtung
n .. Strom ,
Zelt 1 nach kn
2. B e o b a
Zeit
h t U r
Strom
nach
S
kn
Drehung des Stromes
+ nach rechts, — nach links
10
31° 29'
2. 6.
50
8.04—S.24 Y.
323°
1.0
9.08—9.23 V.
36°
1.3 1
+73°
11
31 31
2. 6.
50
7.05—7.20 N.
304
0.7
8.05—S.20 N.
235
0.7
—69
13
26 10
13. 6.
50
12.48-12.58
360
0.7
■2.05—2.15
33
0.7
+33
25
12.30-12.40
343
0.6
143—1.53
359
0.5
+16
16
22 2
15. 6.
25
9.14—9.24 Y.
330
0.5
10.41-10.51 V.
328
0.3
2
17
20 35
16. 6.
25
12.02-12.12
296
0.7
1.39—1 49
320
0.7
+24
50
12.23-12.33
355
0.3
1.58—2.08
345
0.3
—10
18
19 05
16. 6.
25
3.30—3.40 N.
292
0.5
4.52—5.02 N.
302
0.3
+10
50
3.54—4.04
2S6
0.3
5.10—5.20
270
0.3
—16
75
5.30—5.40
302
0.3
6.20—6.30
330
0.5
+18
19
17 30
17. 6.
25
7.35—7.45 V.
323
0.8
8.49—S.59 V.
329
0.8
+ 6
50
9.08—9.18
239
0.4
10.51-11.01
310
0.4
+71
20
16 50
17. 6.
25
S.30—8.40
250
0.9
9.51-10.01
307
O.S
+57
50
8.49—8.59
251
0.9
10.10-10.20
312
O.S
+61
21
16 20
IS. 6.
25
8.29—S.39
254
0.4
9.42—9.52
251
0.3
— 3
Von den 15 Beobachtungspaaren weisen 10 eine Rechts-, 5 eine Linksdrehung des Stromes auf und
der Betrag der Drehung schwankt zwischen + 71 c und —73°. Als Mittel ergibt sich, daß im Kanaren
stromgebiet der Strom sich in etwa l 1 /« Stunden in 25 m Tiefe um -f 15°, in 50 m Tiefe um + 20°
gedreht hat. Diese Tatsachen stimmen annähernd mit den von der „Michael Sars“-Expedition in der
Nähe der Azoren festgestellten überein. 8 ) Bei den Beobachtungen, die von S. M. S. „Möwe“ im Guinea-
und Benguelastromgebiet angestellt sind, läßt sich eine Gesetzmäßigkeit in der Änderung der Strom
richtung mit der Zeit nicht erkennen. Der Strom ändert sich zwar auch sehr, ebenso stark wie im Kanaren
stromgebiet, doch bald erfolgt die Änderung rechts, bald links herum, so daß bestimmte Schlüsse,
außer daß die Stromrichtung veränderlich ist, nicht gezogen werden können.
Ziemlich konstant bleibt dagegen im ganzen Gebiet die Stromstärke. Bei den oben wieder
gegebenen Beobachtungen aus dem Kanarenstrom beträgt die Änderung im Mittel nur 0.1 Kn.
Die Veränderlichkeit der Stromrichtung mit der Zeit bedingt, daß, wenn die Änderung des
Stromes mit der Tiefe festgestellt werden soll, streng genommen nur gleichzeitige Beobachtungen her
angezogen werden dürfen. Solches Material liegt nun nicht vor, da auf S. M. S. „Möwe“ nur mit
einem Strommesser gearbeitet worden ist, und die Messungen in den verschiedenen Tiefen nur nach
einander erfolgen konnten. Die Zeit, die zwischen dem Beginn der Beobachtung in 25 m und der in 50 m
oder umgekehrt verfloß, betrug fast stets V* Stunde. Die Änderungen der Stromrichtung in diesem Zeit
') Murray-Hjort, The Depths of the Ocean. London 1912, S. 265 ff.
2 ) Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdkunde. 1912, S. 179.
3 ) Murray-Hjort, The Depths of the Ocean. London 1912, S. 265 tf.