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Full text : 56, 1936

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Aus  dem  Archiv  der  Deutschen  Seewarte  —  56.  Band,  Nr.  3

Jahre  1880  genau  verfolgen  läßt  (Karte  20,  T.  5).  Durch  Küstenversetzung  wird  langsam  der  Ostflügel  der  Insel  mit
seiner  HWL  und  NWL  ostwärts  ausgezogen.  Das  Flutwasser,  das  von  NW  einströmt  und  nach  SW  und  W  um
den  Ostflügel  herumbiegt,  wird  dadurch  gezwungen,  einen  immer  weiteren  Weg  zurückzulegen.  Das  in  seiner
Erosionskraft  wesentlich  kräftigere  Ebbwasser  kann  sich  im  Sandwatt,  dessen  Konsistenz  gegenüber  dem  harten
Sand  des  Nordstrandes  viel  weicher  ist,  dem  Spiel  der  Kräfte  bald  wieder  anpassen  und  sucht  bei  fortschreitender ­
  Ausbildung  des  Oststrandes  mehr  und  mehr,  den  kürzesten  Weg  einzuschlagen.  Die  Oberläufe  der  einzelnen
Arme  des  Tiefs  nehmen  zuerst  einen  süd-nördlichen  Lauf,  werden  dann  vom  verlängerten  Oststrand  aufgefangen
und  ostwärts  abgelenkt.  Allmählich  nähert  sich  der  nördlichste  Arm  immer  mehr  dem  Südufer  der  Insel  und
beginnt  den  Abbruch  des  Inselufers  an  der  Stelle,  an  der  er  zuerst  aufstößt  und  abgelenkt  wird.  Das  pflegt  bei
Ameland  die  SW-Ecke  der  Oerderduinen  zu  sein.  Die  Aufprallstelle  und  damit  der  Abbruch  verlagern  sich  dann
allmählich  mit  der  Stromrichtung  nach  0.  Dadurch  wird  das  abfließende  Wasser  weiterer  Arme  in  diese  Richtung
gezogen,  der  Oststrand  wird  bis  auf  den  schmalen,  südlich  von  der  Strömung  herumgezogenen  Haken  des  Strandwalles ­
  ausgehöhlt,  bis  auch  dieser  Haken  der  Entwicklung  zum  Opfer  fällt.  Damit  ist  das  Gat  durch  die  Arbeit
des  Ebbstromes  wieder  1—2  km  nach  W  zurückverlegt,  während  der  Strand  oft  um  den  gleichen  Betrag  abgenommen ­
  hat.  Das  alles  scheint  sich  ziemlich  regelmäßig  in  einem  Zeitraum  von  ungefähr  18  Jahren  abzuspielen. ­
  Praktisch  ist  es  in  den  letzten  Jahrzehnten  folgendermaßen  vor  sich  gegangen:  In  den  70er  und  80er
Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  näherte  sich  dem  Oerder  Südufer  rasch  eine  Balge,  die  viel  Schaden  verursachte.
1887  war  die  Entwicklung  soweit  abgelaufen,  daß  der  Pfahl  XXIV  am  Ostende  der  Insel  fortgespült  wurde.  1893
wird  berichtet  (Verslagen),  daß  die  Balge  vor  den  Pfählen  XXV—XXVII  (das  ist  das  Oerder  Südufer)  zugeschlickt ­
  ist.  1898  war  der  Ostflügel  schon  wieder  so  weit  gewachsen,  daß  ein  neuer  Pfahl  XXIV  gesetzt  werden
konnte,  der  1905  im  Ablauf  der  nächsten  Perioden  erneut  verschwand.  Bis  1910  folgte  eine  kleine  Verlängerung
des  Ostflügels;  danach  nahm  er  jedoch  weiter  ab.  Seit  1918  begann  wieder  eine  Periode  der  Ausdehnung  des
Ostflügels,  die  noch  nicht  ganz  abgeschlossen  ist.  1934  war  er  in  noch  nie  beobachteter  Ausdehnung  mit  seiner
HWL  bis  zu  einem  Punkte  2,25  km  östlich  Pfahl  XXIV  angewachsen.  Schon  macht  sich  aber  der  Anfang  der
Wendung  bemerkbar.  Seit  1930  etwa  beginnt  die  Balge  südlich  der  Oerderduinen  sich  schnell  zu  nähern  und
in  wenigen  Jahren  wird  vermutlich  der  östliche  Anwuchs  des  Ostflügels  wieder  abgetragen  sein.
Die  vor  der  Mündung  des  Boorndiep  in  einem  nach  NW  weisenden  Halbkreis  von  W  nach  0  wandernden
Sandbänke  landen  auf  dem  Boomriff,  wo  sie  „Strandruggen“  genannt  werden.  Sie  schieben  sich  nun  allmählich
auf  die  NW-Spitze  Amelands  als  Riffe  zu,  wobei  sich  vor  ihrem  steil  abfallenden  SO-Hang  mit  zunehmender
Annäherung  ein  Strandgat  bildet,  das  sogenannte  NW-Gat.  Dieses  vor  dem  Riff  hergetriebene  Gat  kommt  bei  fortschreitender ­
  Entwicklung  dem  NW-Strand  immer  näher  und  trägt  ihn  in  zunehmendem  Maße  ab,  so  daß  direkt
durch  Kliffbildung  oder  indirekt  durch  Zerstörung  der  für  die  Erhaltung  der  Dünen  notwendigen  Materialbasis
auch  die  NW-Dünen  Schaden  erleiden.  Schließlich  landet  das  Riff  und  schafft  einen  neuen,  breiten  NW-Strand,
der  eine  Zunahme  des  Dünenfußes  erlaubt.  Auch  das  NW’-Gat  verschwindet  dadurch  wieder.  Im  einzelnen  ist
dieser  Vorgang,  der  allen  friesischen  Inseln  gemein  ist,  trefflich  von  Krüger  beschrieben  worden.
Je  mehr  sich  die  Entwicklung  der  Stromsysteme  im  Watt  hinter  Ameland  dem  bereits  erwähnten  Gleichgewichtszustand ­
  nähert,  um  so  mehr  besteht  die  Möglichkeit,  daß  auch  eine  Ostwanderung  Amelands  sichtbar
werden  wird.  Denn  auch  die  Ostwanderung  der  Inseln  muß  neben  der  Ostwanderung  der  Sande  und  Riffe  als
Ausfluß  des  Ostwärtsdrängens  der  Stromsysteme  angesehen  werden.
2.  Das  Gebiet  der  Scholbalg  und  der  Lauwers.
Eine  Darstellung  des  Wattengebietes  nördlich  der  Lauwerszee  läßt  sich  bei  unserer  geringen  Kenntnis
dieses  Raumes  auf  jenem  Gebiet  nur  in  großen  Umrissen  geben.  Von  holländischer  Seite  ist  zunächst  die  Frage
angepackt  worden,  ob  sich  das  Lauwersgat  in  alten  Zeiten  östlich  oder  westlich  Schiermonnikoogs  befunden  hat.
Dem  entstandenen  Streit  lag  die  Tatsache  zugrunde,  daß  das  kleine  Flüßchen  Lauwers 91 ,  das  sich  in  den  Mooren
um  Surhuisterveen  sammelt,  zwischen  Friesland  und  dem  Groningerland  von  altersher  die  Grenze  bildete.  Das
Reitdiep,  die  alte  Hunse,  nimmt  südöstlich  Zoutkamps  die  Lauwers  auf  und  vereinigt  sich  nördlich  der  Blik  Plaat
in  der  Lauwerszee  mit  der  Dokkumer  Ee.  Da  sie  heute  gemeinsam  westlich  Schiermonnikoogs  durch  das  Friessche
Gat  münden,  bezeichnet  S  t  r  a  t  i  n  g  h 92  die  Insel  als  groningisch,  während  Bum  a 93  an  Hand  zahlreicher  alter
Karten  nachweist,  daß  schon  immer  das  Gat  östlich  des  Simonszandes  den  Namen  „De  Lauwers“  trug,  die  Insel
also  seit  jeher  friesisches  Gebiet  sei.
Von  deutscher  Seite  hat  Jessen 94  eine  Entwicklungsgeschichte  der  Lauwerszee  und  der  angrenzenden
Gebiete  gegeben,  die  in  manchem  einer  Nachprüfung  bedarf.  Er  geht  von  der  Vorstellung  aus,  daß  Dokkumer
Ee  und  Lauwers-Hunse  zwei  ursprünglich  getrennte,  selbständige  Gewässer  gewesen  seien,  die  westlich  und  östlich
der  Insel  das  Meer  erreicht  hätten.  Zwischen  ihnen  hätte  sich  ein  Landrücken  von  Nieuwkruisland  über  die  Blik

91  „Lagbeki“,  Foerstemann,  Altdeutsches  Namenbuch.
92  Nr.  96.
93  Nr.  31.
94  Nr.  56,  S.  56  bis  64.
            
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